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viele andere bekümmerte Eltern ſich an den erfahrenen Mann als an eine anerkannte pädagogiſche Autorität wenden. Wir hören von ſeinem Einfluß auf Karl Knebel, Karl Viktor Meyer, den Sohn des Bremer Arztes, ſein Patenkind, auf Auguſt Herder, den ſpäteren Mineralogen, auf Fritz Jakobi, über den er, um die beſorgten Eltern zu tröſten, die oft zitierten Worte ſchrieb:„ein Blatt, das groß werden ſoll, iſt voller Runzeln und Knittern, ehe es ſich entwickelt. Wenn man nicht Geduld hat und es gleich glatt haben will wie ein Weidenblatt, dann iſt es übel.“ Ferner auf Max Jakobi, die Kinder Schloſſers, Mercks und Lavaters.
Und worauf läuft in jedem einzelnen Falle ſein Rat hinaus? Erſte Pflicht des Erziehers iſt es ſich zu verſenken in das Weſen des Kindes, Ehrfurcht zu haben vor einem jeden Gottesgeſchöpf, ſeine Eigenart zu achten. Ihm iſt der Menſch nicht der Ton in der Hand des Töpfers, den er nach Belieben formen kann, ſondern die Pflanze, deren ganze zukünftige Geſtalt und Eigenart ſchon im Keim ver⸗ borgen liegt. Der Gärtner ſoll ſie warten und pflegen, ihr Licht und Sonne verſchaffen, ſie gießen und umpflanzen, aber nicht Feigen von Diſteln ernten wollen.„Wohlgeborene, geſunde Kinder bringen viel mit. Die Natur hat jedem alles gegeben, was er für Zeit und Dauer nötig hätte. Dieſes zu entwickeln iſt unſere Pflicht, öfters entwickelt es ſich beſſer von ſelbſt.“(Wilhelm Meiſter.) Wer denkt ferner nicht an die ſchönen Worte aus Hermann und Dorothea:„Wir können die Kinder nach unſerem Sinne nicht formen, ſo wie Gott ſie uns gab, ſo muß man ſie haben und lieben, ſie erziehen aufs beſte und jeglichen laſſen gewähren, denn der eine hat die, die anderen andere Gaben. Jeder braucht ſie, und jeder iſt doch nur auf eigene Weiſe gut und glücklich“.
Leider hat der Vater bei aller Sorgfalt in der Erziehung des eigenen einzigen Kindes— wurde doch alles, was in ſeinem Kreiſe um ihn webte, um Auguſts Kindheit„hergelagert“— dieſe verſtändigen Worte nicht immer genügend beherzigt und iſt dafür, daß er oft mehr Druck ausgeübt, als er ſollte durch bittere Enttäuſchung ſo hart beſtraft worden.
Ganz unvermerkt ſind wir ſchon von dem praktiſchen Erzieher zum Theoretiker gelangt. In ſeinem Wilhelm Meiſter und beſonders in dem Kapitel„die pädagogiſche Provinz“ hat Goethe eine Art Syſtem zu geben verſucht. Dieſem Buche wollen wir nunmehr unſere Aufmerkſamkeit zu⸗ wenden, ohne indes von dem Manne, dem alle Theorie„grau“ war, in dieſer Hinſicht zu viel zu er⸗ warten. Bielſchowski iſt uns wie überhaupt ſo beſonders hier ein trefflicher Führer.
Auf weitläufigem Gelände, das mit Tal und Hügel, Wald und Wieſe, Waſſer und Frucht⸗ land das ganze Tätigkeitsfeld des Menſchen im kleinen darſtellt, wächſt das Kind, losgelöſt vom Elternhauſe, in möglichſter Ungebundenheit, frei in ſeiner Eigenart ſich entwickelnd, auf. Der natürlichen Entwickelung menſchlicher Kultur entſprechend, bildet ländliche Beſchäftigung auf Feld und Wieſe ſeine erſte Tätigkeit, an die ſich leicht die erſte Belehrung beſonders auf naturwiſſenſchaftlichem Gebiete anknüpft. Geſang begleitet die freudig verrichtete Arbeit. Spiel erheitert die Pauſen.
Mit der wachſenden Kraft erſchweren ſich die Aufgaben für Körper und Geiſt. Wilde Roſſe werden gehütet und gebändigt und die Zeit genützt, um unter Anleitung des kameradſchaftlich mit⸗ reitenden Lehrers in monatlichem Wechſel fremde Sprachen durch Sprechen zu erlernen.— Dann wird die Hand geübt zu Geſchicklichkeit und Kunſtfertigkeit. Jetzt, wo Geiſt und Körper zugleich arbeiten und angeſpannt tätig ſind, ſchweigt der Geſang, doch dem bildenden Künſtler iſt das ganze Jahr ein Feſt.— Ja, in das Innere der Erde dringt der wißbegierige Zögling, um ſich Klarheit über ihre Entſtehung zu ſchaffen und ihre Schätze ans Licht zu fördern.


