Aufsatz 
Goethe als Erzieher / von Otto Paulus
Entstehung
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der kaum 25 jährige junge Dichter, allen Anfeindungen der hochariſtokratiſchen Hofgeſellſchaft zum Trotz, raſch eine führende Stellung an dem Muſenhof und gewinnt ſichtlich einen ſtarken ſittlichen Einfluß auf den ſonſt unlenkſamen, jähzornigen, eigenwilligen jungen Fürſten, der voll überſchäumender Lebensluſt ſich gewaltſam loszureißen ſucht von den beengenden Feſſeln der Etikette, und der zeitweiſe in Gefahr ſchwebte, den ſittlichen Halt zu verlieren. Im Jubel durchſchwärmter Nächte, auf einſamen Waldespfaden, auf wilden Jagden und in traulichem Geſpräch auf friedlich geteiltem Lager gewinnt der geiſtig gereiftere, ſittlich gefeſtigtere treue Mentor auf den jüngeren Freund einen ſolchen Einfluß, daß dieſer, die überlegenheit des älteren fühlend, ſich ihm allmählich willig unterordnet. An unſichtbaren Fäden freilich lenkt er den Fürſten, wie der Abbé im Wilhelm Meiſter ſeinen Zögling, dazu aber bedurfte es eines ganz beſonderen pädagogiſchen Taktes. Hier galt es ſein Wort wahr zu machen:Der Menſch beſitzt von Natur keinen Fehler, der nicht zur Tugend gewandt werden kann. Wo andere nur Fehler ſahen, entdeckte er eben das Gute und wußte es zu entfalten. Und Wieland mußte bekennen:Ich werde je länger je mehr überzeugt, daß ihn Goethe recht geführt und daß er am Ende vor Gott und der Welt Ehre von ſeiner ſogenannten Favoritenſchaft haben wird.

In der Tat, die Aufgabe war nicht leicht und erforderte einen ganzen Mann, eine imponierende Perſönlichkeit:Er war wie ein edeler Wein, ſo ſchildert Goethe ſelbſt den jungen Herzog,aber noch in gewaltiger Gärung. Er wußte mit ſeinen Kräften nicht, wohinaus, und wir waren oft ſehr nahe am Halsbrechen. Auf Parforcejagden über Hecken und Gräben und durch Flüſſe, bergauf bergein, tagelang abarbeiten und dann nachts unter freiem Himmel kampieren etwa bei einem Feuer im Walde, das war ſo ſein Sinn. Ein Herzogtum ererbt zu haben, das war ihm nichts, aber hätte er ſich eins erringen, erjagen und erſtürmen können, das wäre ihm etwas geweſen.

Dieſe trotzige Leidenſchaft gebändigt, dieſen Ubermenſchen auf die Erde niedergezwungen und ſeinen Schaffensdrang in geordnete Bahnen gelenkt, Zügelloſigkeit in Selbſtbeherrſchung und Pflichtgefühl umgewandelt zu haben, das bleibt das Verdienſt ſeines treuen Eckarts. Freilich,ich leugne nicht, ſchreibt er, er hat mir anfänglich manche Not und Sorge gemacht. Doch ſeine tüchtige Natur reinigte ſich bald und bildete ſich bald zum Beſten, ſo daß es eine Freude wurde mit ihm zu leben und zu wirken.Er ſaß ganze Abende bei mir in tiefen Geſprächen über Gegenſtände der Kunſt und Natur, und was ſonſt allerlei Gutes vorkam. Wir ſaßen oft ſpät in die Nacht hinein, und es war nicht ſelten, daß wir nebeneinander auf meinem Sofa einſchliefen. Fünfzig Jahre haben wir es mit einander fortgetrieben, und es wäre kein Wunder, wenn wir es endlich zu etwas gebracht hätten.

Für die furchtloſe Offenheit und den kühnen Freimut, mit der er ſeinem Herrn Ratſchläge, Mahnungen, ja Rügen zu teil werden ließ, genügt als Beweis das Gedicht Ilmenau, das er ſeinem Fürſten zum fünfundzwanzigſten Geburtstage widmete. Wer nach alledem noch zweifeln ſollte, ob wir wirklich von einem erziehlichen Einfluß Goethes auf den Herzog reden dürfen, deſſen Bedenken müſſen gehoben werden durch das eigene Geſtändnis des Herzogs, daß er zweidrittel ſeiner Exiſtenz Goethe ſchulde.

Wie nun Goethe dem Herzoge ſelbſt ein ſicherer Führer war, ſo iſt er ihm auch bei der Erziehung ſeiner Kinder und Enkel ſtets ein treuer Berater geweſen. Der ſpäteren Kaiſerin Auguſta hat er die Wege zur Kunſt geebnet, Radierungen und Zeichnungen mit ihr beſprochen; Karl Alexander durfte er noch bis zu ſeinem 13. Lebensjahr mit überwachen, und zahlreiche Briefe an Marie Paulowna beweiſen, in wie manchen Fragen ſein Rat eingeholt und welcher Wert auf ſeine Meinung gelegt wurde.

Man konnte Goethe als einen Univerſalhelfer in allen geiſtigen und leiblichen Nöten anſehen ſchreibt der Kanzler von Müller, und in der Tat ſehen wir außer der herzoglichen Familie noch ſehr