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Auch das Erbe der Mutter kann der Sohn nicht verleugnen. Wie ſie die Sonne war, die heiter und warm über den Tagen ſeiner Jugend geleuchtet, die manche trübe, gewitterdrohende Wolke verſcheucht und mit Pfirſichen oft bequem erreicht hat, was der Vater mühſam mit Strenge erzwang, ſo will er ſeinem Zögling ein milder Herr ſein.„Mögeſt du, glücklicher Knabe, nicht dieſer Schule(des Leidens) bedürfen und nur Fröhlichkeit dich führen die Wege des Rechts,“ ſo ſchreibt er ihm ins Stammbuch,„Dem Alter geziemt die Sorge für die Jugend, damit dieſe eine Zeit ſorglos ſein kann.“ „Habe Geduld mit den Kindern und laſſe ſie nach ihrer Weiſe aus dem großen Born ihr Teil ſchöpfen.“ Mit Liebe leiten, nicht dreſſieren und abrichten, nicht zu zahm und artig machen, das ſind Grundſätze, die er ſeiner lieben Mutter abgelauſcht hat, von der er ſagt,„meine Mutter war ſtets heiter und froh und gönnte anderen das gleiche“.— Ich darf hier noch einen Beleg dafür mitteilen, wie er ſich in die Seele des Kindes zu verſetzen verſtand. Ich denke, mancher Leſer iſt oft ſchon von ähnlichen Gefühlen beſeelt geweſen.„Man braucht nur in dem kleinen, lieben Weimar einen Blick zum Fenſter hinaus⸗ zuwerfen, um ſich von den entgegengeſetzten Verhältniſſen(sc. als in England) zu überzeugen. Wollen die Kleinen ihre Schlitten auf der Straße probieren, ſogleich erſcheint das Geſpenſt des Polizeidieners, und die armen Dingerchen fliehen, ſo ſchnell ſie nur können. Lockt die Frühlingsſonne ſie zu einem Spielchen vor die Tür, ſo fühlen ſie ſich nicht ſicher vor den Nachſtellungen eines polizeilichen Macht⸗ habers. Kein peitſchenknallender, ſingender und rufender Bube iſt ſicher. Es geht bei uns dahin, die liebe Jugend frühzeitig zahm zu machen und alle Natur, alle Originalität und alle Wildheit aus⸗ zutreiben, ſo daß am Ende nichts übrig bleibt, als der Philiſter.“ Wenn es übrigens ſo ſchon in dem höchſt ländlichen Weimar Goethes, durch das jeden Morgen noch die Kuhherde getrieben wurde, ausſah, dürfen wir modernen Großſtädter uns da noch beſchweren? An einer anderen Stelle klagt er:„Was bildet man nicht immer an unſerer Jugend! Da ſollen wir bald dieſe, bald jene Unart ablegen, und doch ſind die Unarten meiſt eben ſo viel Organe, die den Menſchen durchs Leben helfen. Was iſt man hinter dem Knaben her, dem man einen Funken von Eitelkeit abmerkt! Was iſt der Menſch für eine elende Kreatur, wenn er alle Eitelkeit abgelegt hat“.„Die Fehler der Jugend,“ meint er,„betrachtet man als über⸗ gänge, als Säure einer unreifen Frucht“.„Wenn wir die Menſchen nehmen, ſo wie ſie ſind, ſo machen wir ſie ſchlechter. Wenn wir ſie behandeln, als wären ſie, was ſie ſein ſollen, ſo bringen wir ſie dahin, wohin ſie zu bringen ſind“.— Sind das nicht alles Worte, die auch Frau Aja geſagt haben könnte?*)
Iſt nun Goethe am Weimarer Hofe Prinzenerzieher geweſen? Im eigentlichen Sinne natürlich nicht. Der Herzog, wenn auch ſechs Jahre jünger als Goethe, war ja bereits mündig, er war regierender Herr, als Goethe in Weimar einzog. Und doch durfte Goethe ſeine Stellung unter dieſem Geſichtspunkte auffaſſen, und niemand wird es in Zweifel ziehen, daß Goethe einen erzieheriſchen Einfluß auf den jungen Fürſten ausgeübt hat.
Daß Goethe für einen ſolchen Poſten beſonders geeignet war, darauf hatte ſchon Lavater hingewieſen mit den Worten:„Goethe wäre ein herrliches handelndes Weſen bei einem Fürſten. Dahin gehört er, er könnte König ſein“. Begabt mit allen Vorzügen des Körpers und des Geiſtes, erringt
*)„Kinder brauchen Liebe“, das iſt allezeit das oberſte Prinzip ihrer Erziehung geweſen, und ihre Saat hat reiche Früchte getragen. Außer der Liebe aber pflanzte ſie Ehrfurcht in das weiche, junge Kinderherz, Ehrfurcht gegen den liebenden Vater im Himmel. Goethes Mutter war eine durch und durch fromme Natur. Die Bibel iſt ihr das Buch, zu dem ſie in aller Not flüchtet, an dem ſie mit feſtem Glauben hängt, ihr ganzes Leben hat ſie den unerſchütter⸗ lichen Glauben an einen barmherzigen, allliebenden Vater bewahrt und auch der Seele ihres Kindes, das jeden Morgen am Bette knieend ſein Morgengebet ſprechen mußte, einzupflanzen geſucht.


