Aufsatz 
Goethe als Erzieher / von Otto Paulus
Entstehung
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Ilm bei Tag und in heimlicher Mondnacht betrieben, der oft wochenlang nicht vom Pferde herunterkam und ſich nicht ſcheute, nur in den Reitermantel gehüllt, unter freiem Himmel zu kampieren, als ſelbſtverſtändlich vorausſetzen. Man denke nur an ſein WortFriſch hinaus, da wo wir hingehören. Ins Feld, wo, aus der Erde dampfend, jede nächſte Wohltat der Natur und, durch die Himmel wehend, alle Segen der Geſtirne uns umwittern, wo wir, dem erdgeborenen Rieſen gleich, von der Berührung unſerer Mutter kräftiger uns in die Höhe reißen. Als allzuängſtliche Tyrannen die Turn⸗ anſtalten ſchloſſen, iſt Goethe mit kräftigem Worte für ihre Wiederöffnung eingetreten, um der ſtudierenden Jugend das körperliche Gleichgewicht gegen die überwiegend geiſtige Arbeit zu retten.

Hat nun Goethe erzieheriſch Erfolg gehabt bei ſeinem Zögling? Wir dürfen nicht verſchweigen, daß die Bedingungen beſonders günſtig lagen. Fritz war anmutig und ſchön, Fritz war wohlbegabt und vor allem, er war Goethe im höchſten Maße ſympathiſch. Goethes Liebe zu ſeiner Mutter, der gerade dies ihr ſechſtes Kind, das erſte, das ſie ſelbſt genährt, beſonders ans Herz gewachſen war, übertrug ſich naturgemäß auf das Kind.

Jedenfalls die Gutachten, die wir gelegentlich von Goethes Mutter, von Schiller oder Körner über Fritz hören, lauten ſehr günſtig und alle ſtellen Goethes Erziehungskunſt das glänzendſte Zeugnis aus. In der Tat, es war dem Erzieher gelungen, die ganze Individualität ſeines Schülers zu entfalten, ihn zu einer harmoniſchen Perſönlichkeit zu entwickeln unter ſteter Beachtung der beſonderen Anlagen. Und der Zögling hat dem Meiſter ſpäter Ehre gemacht, er hat ſich im Leben bewährt. Als Kriegs⸗ und Domänenrat, als Generalpräſident der ſchleſiſchen Landſchaft, als Präſident der ſchleſiſchen Geſellſchaft für vaterländiſche Kultur, überall hat er ſeine Stellung wohl ausgefüllt. Aber viel wichtiger, viel beweiskräftiger für Goethes erziehlichen Einfluß als dieſe Erfolge im Leben, die Goethe gewiß nie auf ſein Konto geſetzt hat, iſt die Dankbarkeit, die Fritz ſein ganzes Leben hindurch dem Führer und Lehrer ſeiner Jugend bewahrt hat. Als überzeugendſten Beweis darf ich ſeine eigenen Worte anführen:Mehr noch als an meiner Mutter hing ich an Goethe, der zu jener Zeit faſt täglich meiner Eltern Haus beſuchte und mir mit Liebe, Ernſt und Scherz, ſo wie es nötig war, begegnete, ſo daß ich ſein Betragen gegen Kinder als Muſter betrachtete; dem ich einen großen Teil deſſen, was in meiner Jugend für mich geſchah, verdanke und den ich vorzüglich geliebt habe.. ich war neun Jahre, als mich Goethe in ſein Haus nahm, welches ich die glücklichſte Periode meiner Jugend nennen darf.

Das ſteht jedenfalls außer Zweifel, daß es Goethe mit ſeinem Erzieherberuf bitter ernſt nahm. Welche Anforderungen er an den Lehrer ſtellt, mögen gelegentliche Außerungen wie dieſe beweiſen: Lehren darf man nur in dem Fache, in dem man Meiſter iſt.Es iſt nichts ſchrecklicher als ein Lehrer, der nicht mehr weiß, als der Schüler allenfalls wiſſen ſoll.*)Wer andere lehren will, kann wohl das Beſte verſchweigen, aber er darf nicht halbwiſſend ſein.Man lernt von dem, den man liebt. Nun, Goethe durfte die Forderungen ſo hoch ſtellen, denn er ſelbſt erfüllte ſie.

Hatte nun Goethe etwa alle ſeine pädagogiſche Weisheit aus ſich ſelbſt? Nein! wie jeder Lehrer in ſeiner Tätigkeit vor allem auf die eigene Vergangenheit, die eigene Erfahrung zurückgreift, ſo ſehen wir das auch bei Goethe. Er hatte am eigenen Leibe die Härte der vorrouſſeauſchen Zeit erfahren, einer Zeit, die jedes weichere Gefühl des Erziehers als Schwäche brandmarkte. Wir leſen in Wahrheit und Dichtung:Unſere Lehrer behandelten uns oft ſehr unfreundlich und ungeſchickt mit Schlägen und

*) Goethe ſpricht aus Erfahrung. Eine ganze Reihe von Dilettanten hatten ſich in ſeiner Kindheit an ihm verſündigt. Man denke nur an denunvergleichlichen Klaviermeiſter, der von Hauſe ein ehrſamer Bäcker war, an den Charlatan, der in vier Wochen die engliſche Sprache lehrte, an den Zeichenmeiſter u. a,