Aufsatz 
Goethe als Erzieher / von Otto Paulus
Entstehung
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Kräuter keimen zum zweitenmale, und wenn auch die Blätter von vielen Bäumen fallen, ſo ſind doch viele, die immer grün bleiben... Er ſchließt mit den Worten:Lebe wohl, ſei brav und gedenke meiner. Laß Dir in meinem Zimmer wohl werden... ich hätte Dir wohl viel zu ſagen, es wird ſich aber beſſer erzählen laſſen..

Ob Goethe auch ſittlich religiös auf ſeinen Pflegling einwirkte, ob er in die kindliche Seele die Ehrfurcht vor dem Höchſten, dem Ewigen pflanzte? Gewiß nicht durch beſondere Religionsſtunden mit Auswendiglernen von zahlloſen Sprüchen. Aber daß der, der die Worte geſprochen:Über uns ſpannt ſich ein Himmelsgewölbe mit Myriaden von Sternen. Von dorther klingt, wenn die Stille der Nacht kommt, auch zu uns noch jene Harmonie, von welcher die Pythagoreer ſagten, daß ſie nur das Geräuſch der Welt übertönte, von dorther fließt es zu uns herab als ein Gruß des Unendlichen aus einer Welt, die wir nicht begreifen, ſondern nur im tiefſten Innern als groß und göttlich empfinden oderSollten wir im Blitz und Donner und Sturm nicht die Nähe einer gewaltigen Macht, im Blütenduft und lauen Luftſäuſeln nicht ein liebevoll ſich annäherndes Weſen empfinden dürfen? daß der Mann, dem jeder Gang durch die Natur zu einem Gottesdienſt wurde, dem das winzigſte Moos ein göttliches Kunſtwerk, dem das kleinſte Lebeweſen ein Stück der Gottheit ſelber war, wenn er an der Seite des empfänglichen Kindes durch Feld und Wald ſchweifte, dahinritt durch die finſteren Tannen des Harzes, über die luftigen Höhen des Thüringer Waldes, wenn die Seele ſich weitete beim Ausblick in unendliche Fernen oder aber erſchauerte vor den Geheimniſſen, die die Erde in ihrem Innern birgt, ſeinen Zögling zur Ehrfurcht vor der Güte des ewigen Schöpfers hinführte, das bedarf keines weiteren Beweiſes. Ich zweifele nicht, daß der Meiſter ſeinem Schüler auch das Buch lieb gemacht, von dem er bekennt:ich hatte es lieb und wert, denn faſt ihm allein war ich meine ſittliche Bildung ſchuldig, und die Begebenheiten, die Lehren, die Symbole, die Gleichniſſe alles hatte ſich tief bei mir eingedrückt und war auf die eine oder andere Weiſe wirkſam geweſen.

Fritz muß nun auch in die Geſellſchaft eingeführt werden und ſich hier frei bewegen lernen. Aber da ſehen wir nichts von gouvernantenhafter Strenge, hören nichts von Anſtandsregeln und ängſtlicher Etikette. Er ſelbſt beklagt ſich in Wahrheit und Dichtung einmal bitter darüber, daß man ihm in der Kindheit gutes Betragen oft nur um der Leute willen empfohlen habe. Er führt ſeinen Zögling nicht am Gängelbande, ſondern er ſchickt ihn allein aus zu den Beſuchen in Weimar und Eiſenach. Doch damit ſoll nicht etwa geſagt ſein, daß er ihn aus dem Auge verlor. Wo eine Gefahr zu befürchten war, da wachte das Auge des gewiſſenhaften Erziehers. Seinem Herzoge ſchreibt er einmal, wie ſehr er ſich ſorge um Fritz in der Zeit, wo die Natur ſich zu regen beginne und wo leicht das ganze Leben verdorben werden könne. Er gedachte wohl der Gefahren der eigenen Jugend, die ſelbſt die regſte Achtſamkeit des Vaters nicht ganz hatte abwenden können.Was das Auge ſucht und das Ohr hört, iſt weit ſchlimmer als ein ſchlechter Roman oder ein Theater⸗ ſtück.... Kinder haben wie Hunde einen feinen Geruch, daß ſie alles auswittern und das Schlimmſte vor allem andern. Fritz darf es natürlich nicht empfinden, daß er überwacht wird Sein Verhältnis zu ſeinem Erzieher bleibt das des Freundes zum Freunde. Der reife Mann hat kein Geheimnis vor dem Knaben, er erzählt ihm alles, nicht nur gleichgiltige Dinge wie die Erlebniſſe auf dem letzten Hofball, er weiht ihn ſogar, ſoweit es möglich iſt, in die wiſſenſchaftlichen Probleme ein, die ihn beſchäftigen, und läßt ihn Blicke tun in die Tiefen ſeiner poetiſchen Gedankenwelt.

Daß nun aber über der ſeeliſchen Entwicklung die körperliche nicht vergeſſen wurde, das darf man bei einem Lehrmeiſter, der ſelbſt von Jugend auf ſich im Reiten und Fechten, im Wandern und Schlittſchuhlaufen geübt, der noch mit 29 Jahren das Schwimmen erlernt und in den Fluten der