10 „Es entwickelt und nötigt zu beobachtender Aufmerkſamkeit und zur Zurückhaltung im Urteil“, ja, einmal ſich zu der Behauptung verſteigt:„Das Zeichnen iſt die ſittlichſte aller Fähigkeiten.“
Wir hören weiter von gemeinſamer Lektüre der selectae historiae, von der Erlernung der italieniſchen Sprache, ja von mühſamer Bewältigung algebraiſcher Aufgaben. Aber wir haben nicht etwa an einen geregelten oder gar ſchematiſchen Schulunterricht zu denken. Die Hauptſache wurde teils auf praktiſchem Wege, teils gelegentlich durch belehrende Unterhaltung erledigt. Die Führung der Wirtſchaftsbücher trat an die Stelle der Arithmetik. Bei den täglichen Spaziergängen, auf den dienſtlichen Reiſen durch Thüringen oder die Harzberge fanden ſich auf Schritt und Tritt Anknüpfungs⸗ punkte zu hiſtoriſchen und naturwiſſenſchaftlichen Auseinanderſetzungen. Da wurden Steine zerklopft und Pflanzen geſammelt und gern der Blick vom Einzelnen zum Weltganzen gelenkt.*)— Man kehrte unterwegs auch einmal ein bei dem alten Doktor Siewer in Oberweimar und ließ ſich die Geheimniſſe des chemiſchen Laboratoriums zeigen, oder ſprach bei dem Baumeiſter Arendts vor, der den neuen Schloßbau leitete, beſah Pläne, Riſſe und Modelle und ſchöpfte neue Belehrung aus erſter Quelle.— Ich darf, um ſolche Unterrichtsmethode zu beleuchten, an Worte des Dichters erinnern wie:„Pedanterie iſt der Tod des Unterrichts.“„Die Jugend will lieber angeregt als unterrichtet ſein.“„Weiſe Männer laſſen den Knaben unter der Hand dasjenige finden, was ihm gemäß iſt.“„Tüchtiger Meiſter weckt brave Schüler.“„Lehre tut viel, Aufmunterung alles.“
Er denkt wie Götz, der bei den erzieheriſchen Erfolgen ſeiner Schweſter Maria entſetzt ausruft: „So erziehen die Weiber ihre Kinder, und wollte Gott, ſie allein! Ich kannt' alle Pfade, Weg' und Furten, eh' ich wüßt', wie Fluß, Dorf und Burg hieß“.
„Wie die Pflanzen zu wachſen belieben, Darin wird jeder Gärtner ſich üben. Wo aber des Menſchen Wachstum ruht, Dazu jeder ſelbſt das Beſte tut.“
In Jena und Eiſenach, auf dem Langenſtein und dem Herkules bei Kaſſel iſt Fritz an Goethes Seite, und Briefe an die Mutter beweiſen, was er unter der Führung des väͤterlichen Freundes gewonnen hat. Goethe ſeinerſeits mag ohne den kleinen Begleiter nicht gehn.
Nur durch der Jugend friſches Auge mag
Das längſt bekannte, neu belebt, uns rühren, Wenn das Erſtaunen, das wir längſt verſchmäht, Von Kindes Munde hold uns wiederklingt.
Wie oft dringt beſonders aus den italieniſchen Briefen an Charlotte uns die Klage entgegen: „O hätte ich ihn doch mitgenommen!“ Kleine Sendungen von allerlei intereſſanten Gegenſtänden wanderten den weiten Weg über die Alpen zu dem fernen Liebling, und Briefe begleiteten ſie, wie dieſer:„Mein lieber Fritz, wie ſehr es mich verlangt etwas von Dir zu wiſſen, kannſt Du Dir denken, da Du weißt, wie lieb ich Dich habe. Oft tut es mir im Herzen weh, daß Du nicht bei mir biſt, da ich ſo viele und merkwürdige Gegenſtände täglich betrachte... Ich bin in einem ſchönen, warmen Lande, es fängt jetzt an zum zweitenmale auf Wieſen und Plätzen grün zu werden; das Gras und die
*)„Und friſche Nahrung, neues Blut WVie iſt Natur ſo hold und gut, Saug' ich aus freier Welt, Die mich am Buſen hält.“— „Jede Pflanze verkündet Dir nun die ew'gen Geſetze, Jede Blume, ſie ſpricht lauter und lauter mit Dir“. Metam. d. Pfl.


