Aufsatz 
Goethe als Erzieher / von Otto Paulus
Entstehung
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der anweſenden Gräfin Egloffſtein, ſich zu mäßigen, erklärte der Kleine: Du haſt gar nichts zu ſagen, wir gehen bald zu Bette, da wird der Großvater Zeit haben, ſich von dieſen Fatigen zu erholen. Sie ſehen, nahm Goethe das Wort, daß die Liebe immer ein wenig impertinenter Natur iſt.*) Oft hören wir aus ſeinem Munde die Mahnung, der Jugend anmaßliches Weſen zu ertragen. Wo Anmaßung uns wohl gefällt? Bei Kindern! denen gehört die Welt.

Freilich darf die Anmaßung nicht etwa in Zuchtloſigkeit, in Pietätloſigkeit ausarten. Ehrfurcht iſt das höchſte und heiligſte Gebot in der pädagogiſchen Provinz. Wie das Heilige Wort aus altem und neuem Teſtament beſteht, ſo ſteht in der Erziehung neben der Liebe die Autorität: lerne gehorchen, das hat man nicht mit Unrecht als das Grundmotiv in Wilhelm Meiſter angeſehen. Kubus und Kugel hat er als Sinnbilder in ſeinem Garten in Weimar aufgeſtellt, das eine ſtellt das Beſtändige dar, das andere den Wechſel, das eine das Geſetz, das andere die Freiheit.

Es ſoll ein Merkmal genialer Naturen ſein, daß, je mehr ſie geiſtig ihre Mitmenſchen überragen, um ſo kindlicher und einfältiger ihr Herz oft bleibt. Auch Goethe durfte von ſich ſagen:Herder hat wohl recht, zu ſagen, daß ich ein großes Kind bin und bleibe. Und an anderer Stelle:Das Alter macht nicht kindiſch, wie man ſpricht, es findet uns nur noch als wahre Kinder.

Dies wahrhaft kindliche Gemüt, das ſich der Mann, ja der Greis bewahrte, es zog ihn allezeit hin zu den unſchuldigen Kinderherzen, und er bekannte von ſich:Chriſtus hat recht, uns auf die Kinder hinzuweiſen, von ihnen kann man lernen und ſelig werden.

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Die wahre ernſte Liebe zu den Kindern, zur Jugend muß nun mit Notwendigkeit aus ſich das Streben erzeugen, helfend und fördernd auf ſie einzuwirken, ſie bewußt zu erziehen. Aber wie die Liebe der eigentliche Quell des Erziehungstriebes, des Erziehungsbedürfniſſes iſt, ſo bleibt ſie auch ſtets die beſte und ſicherſte Leiterin und Wegweiſerin; ſicherer als Pſychologie und Logik, als alle Weisheit der pädagogiſchen Seminare führt ſie zum Ziele.

Der Erziehungstrieb ſetzt nun ſchon bei dem Knaben ein. Es iſt ja ein zu ſtolzes Gefühl, mehr zu wiſſen, mehr zu können als andere, ihnen abgeben, ſie weiſen und meiſtern zu können. Der kleine Puppenſpieldirektor in der Kinderſtube und der begehrte Märchenerzähler empfand dies Glück.

Der junge 16 jährige Student in Leipzig nimmt mit lehrhafter Redſeligkeit*) die geiſtige Bildung der Schweſter in die Hand. Noch iſt der Briefwechſel mit Cornelie erhalten, in den Goethejahrbüchern iſt er geſammelt Es erſcheint faſt komiſch, und Goethe hat ſpäter ſelbſt darüber lachen müſſen, wenn man die feierliche Würde ſieht, mit der hier der nur ein Jahr ältere Bruder der Schweſter gegenübertritt, um ihr nachmittags als eigene Weisheit zu predigen was er vormittags im Kolleg bei Gellert gehört hat; wie er die Rolle des väterlichen Freundes und weiſen Beraters ſpielt, ihr die Lektüre auswählt, von ihr eingehende Berichte und zwar auf durchbrochenen Bogen verlangt, um ſie als Übungsarbeiten zu behandeln und ſie mit allerlei Bemerkungen über Satzverbindung, Ausdruck und Stil zurückzuſenden. Aber nicht nur in die wiſſenſchaftliche, nein auch in die muſikaliſche und äſthetiſche Bildung wagt der altkluge Jüngling einzugreifen, er ſchrickt ſelbſt nicht zurück vor praktiſchen

*)Ich traf ihn gegen ſechs Uhr abends ganz allein, nur ſein kleiner Enkel blätterte in Bilderbüchern und ward bei ſeinem lebhaften Weſen und öfteren Fragen vom alten Herrn auf das geduldigſte von Zeit zu Zeit beſchwichtigt, aber endlich durch allerlei Perſuaſion vermocht, ſich auf dem Bett im Kabinett ſchlafen zu legen(Kanzler Müller 1813).

**)mir war vom Vater eine gewiſſe lehrhafte Redſeligkeit angeerbt(Wahrheit u. D.)