Aufsatz 
Goethe als Erzieher / von Otto Paulus
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

fahrenden Harfners, der den vornehmen Herrn gebeten, ſein Kind, dem der Weg zu beſchwerlich wurde, eine Strecke mitfahren zu laſſen. Im Augenblick iſt der fremde Mann gut Freund mit dem auf der Straße aufgeleſenen Kinde: er läßt ſich ſeine neue Haube vorzeigen und von den weiten Wanderungen, die es an der Hand des Vaters oder der Mutter gemacht hat, von den Erfolgen ſeiner Kunſt bei Herren und Fürſten erzählen. Aus der Stimmung ſeiner Harfe prophezeit es das Wetter. Immer reger wird des Dichters Anteilnahme: er prüft Verſtand und Urteil und ſucht den Charakter aus den Zügen des Geſichts zu erkennen. Nur ungern trennt er ſich im nächſten Dorf von dem Kinde der Landſtraße, und lange klingt die Erinnerung in ſeinem Herzen nach, bis er in ſeinem Wilhelm Meiſter es zu dem wunderbaren kleinen Zauberweſen verklärt hat, das nun in dem Herzen des ganzen deutſchen Volkes weiterlebt.

Soll ich weiter noch an den kleinen Meßmuſikanten erinnern, den er einſt der Mutter als Logiergaſt ins Haus bringt,) oder an das achtjährige Kind des Flüchtlings bei der Belagerung von Mainz, deſſen er ſich liebevoll annimmt, oder an den kleinen Peter Baumgarten aus Meiringen, deſſen Vormundſchaft er übernimmt und für den er väterlich ſorgt? Ich muß mich bei der Fülle des Stoffes auf Andeutungen beſchränken. Aber bei einer Familie darf ich wohl noch einen Augenblick verweilen, in der der Dichter ſich auch als Freund der Kinder gezeigt hat, das war die Familie ſeines Herzogs.

Wie erſt die Kinder Karl Auguſts, beſonders der Erbprinz, ſich dem apolloſchönen Jüngling überall mit kindlicher Begeiſterung anſchloſſen, ihn auf Wanderungen und Reiſen gern begleiteten, ſo ſehen wir ſpäter noch die zweite Generation, die Enkel und Enkelinnen den würdigen Greis umringen und ſich der Würde und der heiteren Ruhe ſeines Alters freuen. Der verewigte Großherzog Karl Alexander wußte ſich noch ſehr wohl zu erinnern war er doch 14 Jahre bei Goethes Tode wie er oft mit ſeinen älteren Schweſtern Marie, der ſpäteren Prinzeſſin Karl von Preußen, und Auguſta, der ſpäteren Gemahlin Kaiſer Wilhelms IJ., zu den Füßen des greiſen Dichters geſeſſen, wie dieſer die Kinder von Schloß Dernburg einſt mit nach Jena genommen und ſie durch das große Fernrohr ſchauen laſſen, um ihnen die Sonnenfinſternis zu zeigen. Die kleine Auguſta trägt der Dichter auf ſeinen Armen durch die Obſtterraſſen des Schloßparks und läßt ſie nach der vorgehaltenen Birne haſchen, oder er ſchaukelt ſie auf den Knieen und läßt ſich von ihr von dem weißen Schäfchen vorplaudern, oder aber er ſelbſt erzählt der Kleinen Schlangenmärchen und orientaliſche Sagen.

Dieſe zärtliche Liebe zu den Kindern iſt Goethe eigen geblieben bis in ſein hohes Greiſenalter. Nicht ohne Rührung ſehen wir im Goethehauſe neben dem Schreibtiſch des Großvaters, der hier den höchſten Problemen der Menſchheit nachſann, den Spieltiſch der Enkel, an dem noch in der Stunde des Todes die liebe kleine Alma mit ihren Puppenläppchen neben dem ſterbenden Großvater ſpielte.

Eckermann ſchildert uns in ſeinem Tagebuch eine Szene, die etwa zwei Jahre zurückliegt: Wolf, ſchreibt er,machte dem Großvater viel zu ſchaffen. Er kletterte auf ihm herum und ſaß bald auf der einen, bald auf der anderen Schulter. Goethe erduldete alles mit der größten Zärtlichkeit, ſo unbequem das Gewicht des zehnjährigen Knaben ſeinem Alter ſein mochte. Auf die Mahnung

*)In dieſem Ereignis trat wieder einmal diejenige Eigenheit hervor, die mich in meinem Leben ſo viel gekoſtet hat, daß ich nämlich gern ſehe, wenn jüngere Weſen ſich um mich verſammeln und an mich anknüpfen, wodurch ich denn freilich zuletzt mit ihrem Schickſal belaſtet werde. Eine unangenehme Erfahrung nach der anderen konnte mich von dem angeborenen Triebe nicht zurückbringen, der noch gegenwärtig bei der deutlichſten überzeugung von Zeit zu Zeit mich irre zu führen droht.