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Daß es ſich aber hier nicht um Laune, um Speelerei oder Zeitvertreib, nicht um eine Liebenswürdigkeit des Gaſtes handelt, der am Ende gar Nebenzwecke verfolgt, ſondern um wirkliche herzliche Anteilnahme, das beweiſt der Umſtand, daß das freundſchaftliche Band von Dauer bleibt. Auch nach der Abreiſe von Wetzlar gedenkt Goethe der lieben kleinen Buben und Mädchen und hört nicht auf ſich nach ihnen zu erkundigen, ſie grüßen und küſſen zu laſſen, ihnen allerlei kleine Gaben und Geſchenke zu ſenden: Roſinen und Feigen, Obſt und Bildchen und Stoff zu Kleidern. Er begleitet ſie in Gedanken weiter auf ihrem Lebenswege, verfolgt mit herzlichſtem Intereſſe alle ihre Lebensſchickſale und kennt keine größere Freude, als wenn ſie ihn in ihren kindlichen Briefen von ihren Freuden und Schmerzen unterhalten.
Keſtner ſelbſt bezeugt uns, daß, wenn Goethe auch ſonſt wohl bizarr in ſeinem Betragen ſei, er jedenfalls Kinder liebe, ſich mit ihnen zu beſchäftigen verſtehe und ihr Vertrauen genieße.
Daß er ſich wirklich in der Kinderſtube wohl fühlte, das möge noch das kleine Genrebildchen beweiſen, das er in einem Briefe an Keſtner entwirft:
„Wenn dem Papa das Pfeiſchen ſchmeckt, Der Doktor Hofrat Grillen heckt
Und ſie Karlinchen für Liebe verkauft,
Die Lotte herüber hinüber lauft,
Lenchen treuherzig und wohlgemut
In die Welt hineinlugen tut,
Mit dreckigen Händen und Honigſchnitten, Mit Löchern im Kopf nach deutſchen Sitten Die Buben jauchzen mit hellem Hauf
Tür ein, Tür aus, Hof ab, Hof auf.....
Daß aber dieſe Zuneigung zu den Kindern nicht etwa bloß Wertherſtimmung iſt, Stimmung des an Weltſchmerz kranken Schwärmers, der aus der Welt der Kultur entflieht in die Stille der Natur und Balſam für die kranke Seele ſucht im Verkehr mit der Urſprünglichkeit und Einfachheit des unglücklichen Bauernburſchen, der biedern Wirtin, der harmloſen Bäuerin, der unſchuldigen, unverbildeten Kinder, das zeigt das ſpätere Leben, als die Wertherkrankheit längſt überwunden hinter ihm liegt. Wo er in eine Familie kommt, die erſten Freunde, die er gewinnt, ſind die Kinder. In Darmſtadt bei Mercks wie in Weimar in der Familie Stein und Herder iſt er der ausgeſprochene Kinderfreund. Die kleinen Steins lädt er zu Haſeneierſuchen und Feuerwerk in ſeinen Garten; er behält ſie bei Gewitter über Nacht bei ſich und traktiert ſie abends mit Eierkuchen. Er nutzt dann bei der Lampe traulichem Schein das koſtbare Erbe der Mutter, die Luſt zum Fabulieren, den kleinen
Freunden Märchen zu erzählen. Und wären Knaben noch ſo trutzig,
Und wären Mädchen noch ſo ſtutzig, In meine Saiten greif' ich ein, Sie müſſen alle hinterdrein!
Ja, Ernſt, der ſchon im Hemdchen iſt, zieht ſich dann flink wieder an, und mit Spannung hängt alles an den Lippen des Erzählers,„o ſing' uns ein Märchen, o ſing es uns oft“, ſo tönt es auch ihm aus ſchmeichelnd⸗bittendem Kindermund entgegen.—
Ein anderes Bild: Der ſiebenunddreißigjährige weimarſche Geheimrat im Reiſewagen auf der Alpenſtraße bei Walchenſee, an ſeiner Seite ein elfjähriges braunes Mädchen, die Tochter eines land⸗


