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„Die echte Pädagogik iſt eine Naturgabe, ſagt Gutzkow einmal, die wie ein geheimer Ather dem Charakter des Lehrers entſtrömen muß.“ Gewiß, wie bei allen Naturanlagen des Menſchen ſtoßen wir auch bei dieſer zuletzt auf etwas Geheimnisvolles, nicht Abzuleitendes, zu Erklärendes. Doch der Hauptbeſtandteil, die Hauptquelle dieſer geheimnisvoll dem Menſchen entſtrömenden Kraft, die kennen wir. Es iſt die Liebe, die Liebe zum Kinde, die Liebe zur Jugend. Die Liebe, die ſich hineinverſetzen kann in die Gefühle und Empfindungen, in die Leiden und Freuden des Kindes, der das Kind ein Gegenſtand der Achtung und Ehrfurcht, ein heiliges anvertrautes Pfand, ein Gefäß aus der Hand des Allmächtigen iſt.— Finden wir nun in Goethes Leben Beweiſe, daß er von dieſer Liebe zur Jugend, zu den Kindern beſeelt war?
Ich brauche nur an einige Stellen aus dem Werther zu erinnern:„Die Kinder(des Dorfes) ſind ganz an mich gewöhnt, ſie kriegen Zucker, wenn ich Kaffee trinke, und teilen das Butterbrot und die ſauere Milch mit mir des Abends. Sonntags fehlt ihnen der Kreuzer nie, und wenn ich nicht nach der Betſtunde da bin, ſo hat die Wirtin Ordre, ihn auszuzahlen. Sie ſind vertraut, erzählen mir allerhand, und beſonders ergötze ich mich an ihren Leidenſchaften und ſimpelen Ausdrücken des Begehrens, wenn mehr Kinder aus dem Dorfe ſich verſammeln.“„Die Kleinen verfolgten mich um ein Märchen, und Lotte ſagte ſelbſt, ich ſollte ihnen den Willen tun. Ich ſchnitt ihnen das Abendbrot, das ſie nun faſt ſo gern von mir als von Lotte annehmen, und erzählte ihnen das Hauptſtückchen von der Prinzeſſin, die von Hunden bedient wird. Vorgeſtern kam der Medicus hier aus der Stadt hinaus zum Amtmann und fand mich auf der Erde unter Lottens Kindern, wie einige auf mir herunkletterten, andere mich neckten, und wie ich ſie kitzelte und ein großes Geſchrei mit ihnen erregte. Der Doktor, der eine ſehr dogmatiſche Drahtpuppe iſt, unter dem Reden ſeine Manſchetten in Falten legt und einen Kräuſel ohne Ende herauszupft, fand dies unter der Würde eines geſcheuten Menſchen, das merkte ich an ſeiner Naſe. Ich ließ mich aber nicht ſtören, ließ ihn ſehr vernünftige Sachen abhandeln und baute den Kindern ihre Kartenhäuſer wieder, die ſie zerſchlagen hatten. Auch ging er darauf in der Stadt herum und beklagte, des Amtmanns Kinder wären ſo ſchon ungezogen genug, der Werther verderbe ſie nun völlig.“...„Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen ſind die Kinder am nächſten auf der Erde. Wenn ich ihnen zuſehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller Kräfte ſehe, die ſie einmal ſo nötig brauchen werden, wenn ich in dem Eigenſinn künftige Standhaftigkeit und Feſtigkeit des Charakters, in dem Mutwillen guten Humor und Leichtigkeit, über die Gefahren der Welt hinzuſchlüpfen, erblicke,— alles ſo unverdorben, ſo ganz— immer, immer wiederhole ich dann die goldenen Worte des Lehrers der Menſchen: Wenn ihr nicht werdet wie eins von dieſen.“
Bedarf es noch deutlicherer Beweiſe? Denn daß wir hier wirklich Erlebtes und Empfundenes vor uns haben, daß wir ſtatt Wahlheim nur Garbenheim, ſtatt des Jagdhauſes nur das Deutſche Haus in Wetzlar einzuſetzen brauchen, um dann in allen dieſen Szenen photographiſch treu den jungen Praktikanten am Reichskammergericht Wolfgang Goethe zu erkennen, das brauche ich nicht erſt zu ſagen.
Man behauptet, Tiere und Kinder erkennten ſogleich ihre Freunde. Sicherlich, weder die kleine fröhliche Schar im Amtmannshauſe noch die ſcheue Dorfjugend, hätte ſich dem fremden Manne ſo zutraulich genähert, hätte ihm in kindlicher Aufgeregtheit die tiefſten Geheimniſſe von Weihnachts⸗ ahnungen und verborgenſten Wünſchen ihres Kinderherzens anvertraut, ſie hätten mit dem erwachſenen Mann nicht wie mit ihresgleichen verkehrt, wenn ſie nicht mit ſicherem Inſtinkt wahre ungeheuchelte herzliche Liebe bei ihm herausgefühlt hätten.


