Aufsatz 
Goethe als Erzieher / von Otto Paulus
Entstehung
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ſolange es denkende Menſchen gibt, im Vordergrunde des Intereſſes geſtanden hat, wenn dieſe Frage inſonderheit allen großen Führern unſerer Nation man denke an Luther, Leſſing, Herder, Schiller, Bismarck am Herzen gelegen hat, ſollte da der, den wir als das größte Univerſalgenie, als den umfaſſendſten Geiſt unſerer ganzen deutſchen Kultur⸗ und Geiſtesgeſchichte zu preiſen gewohnt ſind, den vor wenigen Jahren bei ſeiner Jubelfeier ſo gut wie alle Zweige von Kunſt und Wiſſenſchaft(die Poeſie wie die Malerei, die Bildhauerei wie die Baukunſt, die Mineralogie wie Botanik und Zoologie, die Oſteologie, Optik und Medizin, ja auch Muſik und Schauſpielkunſt) als den ihrigen in Anſpruch nahmen, ſollte dieſer Mann einer der wichtigſten Fragen der Menſchheit aus dem Wege gegangen ſein, noch dazu in dem Jahrhundert, in dem Rouſſeau ſeinen Emil, Leſſing ſeine Erziehung des Menſchengeſchlechts, Herder ſeine pädagogiſchen Schriften, Peſtalozzi ſein Lienhardt und Gertrud, Schiller ſeine Briefe über äſthetiſche Erziehung verfaßten, in dem Zeitalter der Voltaire Diderot und d'Alembert, der Schloſſer und Baſedow und der Philanthropiſten? Das wäre an ſich un⸗ glaublich. Nein, mag er zeitweiſe ſeinen beobachtenden Forſcherblick auf Pflanzen und Erdgeſtein, Knochen⸗ bau und Farben gerichtet haben, das Intereſſanteſte iſt ihm allezeit der Menſch geweſen(Der Menſch iſt dem Menſchen das Intereſſanteſte und ſollte ihn vielleicht ganz intereſſieren. Alles andere, was uns umgibt, iſt entweder nur Element, in dem wir leben, oder Werkzeug, deſſen wir uns bedienen.Man lebt mit dem Lebendigen.Das eigentliche Studium der Menſchheit iſt der Menſch*), Lebens⸗ und Reiſebeſchreibungen waren ſtets ſeine liebſte Lektüre. Jeder Menſch war ihm ein wichtiges Problem, und gerade das Werden und Wachſen, die Entwicklung der Perſönlichkeit war's, was ihn beſonders anzog. Und ſo ſind in der Tat alle ſeine Werke durchſetzt von Gedanken über die Erziehung, von Ausſprüchen pädagogiſcher Weisheit.**) Beſonders ergiebig für dieſes Thema ſind die Dramen: Elpenor, Die Aufgeregten, Erwin, und Elmire, die poetiſche Verherrlichung der Frau Rat als Erzieherin, Die natürliche Tochter, Götz, Iphigenie und Fauſt; außerdem das Epos Hermann und Dorothea und der Roman die Wahlverwandtſchaften. Noch unmittelbarere Zeugniſſe für ſeine pädagogiſchen Anſichten liefern die verſchiedenen Teile ſeiner Lebensbeſchreibung, der geſamte Briefwechſel, zumal die Briefe an Frau von Stein, die Geſpräche mit Eckermann und die Sprüche. Zu einem förmlichen Syſtem endlich verdichten ſich ſeine Anſchauungen in dem pädagogiſchen Roman Wilhelm Meiſter, beſonders in dem Kapitel Pädagogiſche Provinz.

Doch ehe ich verſuche den Theoretiker Goethe vorzuführen, möchte ich zeigen, wie er praktiſch der Aufgabe des Erziehers, wo ſie an ihn herangetreten iſt, gerecht geworden iſt, um dann in kurzen Worten darzutun, wie, von praktiſchen Erfahrungen ausgehend, der Dichter in Romanform eine Art Syſtem bietet, das allerdings mehr einem utopiſchen Fantaſiegebilde, einem dichteriſchen Traum als einem philoſophiſchen Lehrgebäude ähnlich ſieht.

*)Dem einzelnen bleibe die Freiheit, ſich mit dem zu beſchäftigen, was ihn anzieht, was ihm Freude macht was ihm nützlich deucht; aber das eigentliche Studium der Menſchheit iſt der Menſch(aus Ottiliens Tagebuch) Das Intereſſe an der menſchlichen Geſtalt hebt nun alles andere auf..... Ich bin nun recht im Studio der Menſchengeſtalt, welche das non plus ultra alles menſchlichen Wiſſens und Tuns iſt.

Tauſendfach und ſchön entfließe Und im Menſchenbild genieße, Form aus Formen deiner Hand, Daß ein Gott ſich hergewandt.

**) Er war ein begeiſterter Verehrer Rouſſeaus; Lavater und Baſedow kannte er perſönlich, ihre Werke hatte er ſtudiert, und das Philanthropin in Deſſau hat er aus eigener Anſchauung kennen gelernt; er war eng befreundet mit verſchiedenen Prinzenerziehern wie Schloſſer, Herder, Behriſch, Langer und Wieland.