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dem Ertrag eigener Lebenserfahrung, will er dem Nachwuchs das geiſtige Erbe der Väter vermitteln, um ihn ſtark und fähig zu machen für die immer ſchwieriger ſich geſtaltenden Lebensbedingungen. Neben den Eltern ſtehen als treue Gehilfen die Pädagogen, die die Erziehungstätigkeit zu einer förmlichen Kunſt entfalten und ſeit Jahrhunderten, ja Jahrtauſenden eifrig damit beſchäftigt ſind, den Bau immer kunſtvoller zu geſtalten, immer feſter zu fügen, ihre Theorien immer ernſter und tiefer durchzudenken, ſie wiſſenſchaftlich und philoſophiſch zu begründen. So hat die Erziehungsfrage die denkenden Menſchen zu allen Zeiten beſchäftigt.
Aber mehr als ſeit hundert Jahren, faſt könnte man ſagen, mehr als je ſteht dieſe Frage in unſeren Tagen auf der Tagesordnung. Wir leben in einer Zeit fortwährender Gärung und ſtarker Umwälzung, man möchte von einem pädagogiſchen Zeitalter ſprechen. Will man doch im Laufe der letzten Jahrzehnte nicht weniger als 300 ernſtgemeinte Reformvorſchläge gezählt haben.
Die Gegenſätze humaniſtiſch und real, national und klaſſiſch, Gymnaſium und Reformſchule, einheitliche Vorbildung für die Hochſchule oder vielſeitige, grammatiſche und Sprachmethode, Volks⸗ ſchule und Vorſchule, Mädchengymnaſium und Fachſchule, Vereinigung und Trennung der Geſchlechter, und wie ſonſt die brennenden Fragen lauten, ſie haben die Gebildeten in große feindliche Heerlager geſchieden, und in Zeitſchriften und Broſchüren, in Vorträgen und Verſammlungen ſind blutige Fehden ausgefochten..
Handelt es ſich hier um mehr oder minder wichtige Einzelfragen, um Reformen, die vom Beſtehenden ausgehen, ſo fehlt es andererſeits nicht an Umſtürzlern, die das ganze Syſtem moderner Erziehung angreifen.„Das Jahrhundert des Kindes“, ſo betitelt die Schwedin Ellen Key in ihrem neueſten pädagogiſchen Werke, das weit über Fachkreiſe berechtigtes Aufſehen erregt hat, unſer 20. Jahrhundert. Dieſer Titel iſt nicht ſo harmlos, wie er zunächſt wohl ausſehen möchte, ſondern er iſt ein Schlachtruf, er enthält eine furchtbare Anklage gegen alle heutigen Eltern und Erzieher, gegen den modernen Staat, gegen die ganze Menſchheit; hinter ihm birgt ſich eine Bitterkeit und Leidenſchaft, eine Umſtürzlerwut, die alles Beſtehende über den Haufen rennen will, die den Stab bricht über alles, was bisher auf erziehlichem Gebiete geleiſtet iſt, und unſer ganzes öffentliches Schulweſen einer geradezu vernichtenden Kritik unterzieht. Endlich, ſo belehrt uns die radikale Verfaſſerin, iſt das Jahrhundert der Erlöſung erſchienen, das dem bisher brutal geknechteten, unmenſchlich gequälten, ſinnlos und töricht behandelten Kinde ſein Recht verſchaffen wird. Und ſo denkt nun nicht bloß Ellen Key, eine ganze Schar pädagogiſcher Schriftſteller verficht ſchon ähnliche Gedanken. Das iſt die Stimmung, die beſonders auf dem Allgemeinen und auf dem Kunſterziehungstage immer wieder zum Ausdruck kommt. Nun, die Maſſe der deutſchen Lehrerwelt ſteht ſolchen himmelſtürmenden Titanen einſtweilen mit olympiſcher Ruhe gegenüber und verhält ſich ablehnend gegen die Struwwelpetermethode. Und als auf der letzten großen, von etwa 1400 Männern beſuchten deutſchen Philologenverſammlung in Hamburg ein ſehr ſtreitbarer Vertreter dieſer Reformbewegung L. Gurlitt⸗Steglitz für ſeine umſtürzleriſchen Pläne Propaganda zu machen ſuchte, ſtieß er auf ſehr energiſchen Widerſtand, und kein einziger aus der Verſammlung trat für ihn ein.
Und doch, ſo weit auch dieſe Modernſten, zumal mit ihren poſitiven Vorſchlägen, über das Ziel hinausſchießen, der Kern, die Grundidee der Bewegung verdient Beachtung. Was wollen ſie denn, was iſt ihr letztes Ziel? Die alte Rouſſeauſche Forderung: mehr Rückſicht auf die Eigenart, mehr Achtung vor dem Individuum, der Perſönlichkeit, mehr Sichentwickelnlaſſen und weniger Zwang, kurz, weniger— Erziehung, die iſt es, die aus allen ihren Reden und Schriften hervorklingt.— Sicherlich, dieſe Mahnung kann nie oft, nie vernehmlich genug an das Ohr des Erziehers dringen,


