Aufsatz 
Goethe als Erzieher / von Otto Paulus
Entstehung
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Goethe als Erzieber.)

Ewig wird er uns ſein der eine, der ſich in viele Teilt, und einer jedoch, ewig der einzige bleibt.

Bei dem Geſellſchaftsleben der Menſchen iſt gegenſeitiges Erziehen eine Naturnotwendigkeit. Jeder Menſch iſt Schüler und Lehrer zugleich von dem Augenblicke an, wo er, ſeiner ſelbſt noch nicht bewußt, ins Leben eintritt, bis er die Augen zum ewigen Schlummer ſchließt. Schon der Säugling wirkt erzieheriſch auf ſeine Umgebung. Wordsworths Ausſpruchdas Kind iſt des Mannes Vater ließe ſich auch in dieſem Sinne anwenden.*) Daß das dreijährige bereits mit Bewußtſein in der Kinderſtube den Erzieher ſpielt, beobachten wir täglich, und daß in kinderreichen Familien die Kinder ſelbſt den Eltern ein gut Teil Erziehung abnehmen, das iſt eine bekannte Tatſache. Und nun erſt die Geſellſchaft: Mitſchüler, Freunde, Feinde, Männer, Frauen!

Das Leben iſt dem dahinflutendem Bergſtrom vergleichbar. Die einzelnen Menſchen ſind die Kieſel und Steinchen am Boden. Da liegen ſie in allen Farben bunt nebeneinander, groß oder klein, hart oder weich, und das iſt nun ein fortwährendes Stoßen und Drängen, ein Schieben und Drehen, ein Rollen und Schleifen. Jeder ſchiebt und wird geſchoben, reibt und wird gerieben; werden auch nicht alle kugelrund und glatt Gott ſei dank! der Kern bleibt ja, aber von den Kanten und Ecken muß manches herunter.***)

Zu dieſer unbewußten Erziehung tritt nun die bewußte. Schon das höher organiſierte Tier, das zwar nur den beiden großen Trieben folgt, die die Vorausſetzung aller Entwicklung bilden, nämlich dem der Selbſterhaltung und der Erhaltung der Raſſe, begnügt ſich nicht damit, die Raſſe fortzupflanzen, ſondern inſtinktmäßig ſorgt es für die Frucht ſeines Leibes; der denkende Menſch kennt keine höhere Pflicht als die bewußte Erziehung ſeiner Kinder: fußend auf den Errungenſchaften der Ahnen und

*) Quellen: A. Langguth, Goethes Pädagogik, hiſtoriſch⸗kritiſch dargeſtellt. Halle 1886. A. Langguth, Goethe als Pädagog. Halle 1887. Max Koch, Grenzboten 1887 und 1888. B. Auerbach, Goethe und die Erziehungskunſt. Achelis, Goethebrevier(Bücher der Weisheit und Schönheit). S. 71. Bernh. Münz, Goethe als Erzieher. Türmer 1906. Heft 12. Die verſchiedenen Darſtellungen von Goethes Leben, beſonders die neueſte und beſte von Bielſchowski und die einſchlägigen Werke über Geſchichte der Pädagogik. Weitere Literatur findet man bei Langguth, Goethes Pädagogik, Einleitung.

**)Was ſogar die Frauen an uns ungebildet zurücklaſſen, bilden die Kinder aus, wenn wir uns mit ihnen abgeben. Goethe.

***) Wir müſſen alle empfangen und lernen, ſowohl von denen, die vor uns waren, als von denen, die mit uns ſind. Selbſt das größte Genie würde nicht weit kommen, wenn es alles ſeinem eigenen Innern verdanken wollte. Wie wenig iſt man! Und was man iſt, das blieb man andern ſchuldig. Goethe.