Aufsatz 
Zur Geschichte der Gegenreformation in Nassau-Hadamar.
(Verhandlungen wegen Annahme der Augsburger Konfession in den Ottonischen Landen 1628 und 1629.)
Entstehung
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Beſonderes Intereſſe für uns hat die Perſönlichkeit JFohann Ludwigsvon Naſſau-⸗Hadamar. Üeber ſeine Jugendentwicklung hat der jeſuitiſche Biograph des Grafen, Pater Wiltheim, einige Mitteilungen gemacht, welche ſeine geiſtige Bedeutung beſonders hervorheben ſollen.) In der That muß er eine reiche und vielſeitige Bildung ſich angeeignet haben.²) Auf der von ſeinem Vater gegründeten Landesuniverſität Herborn legte er den Grund ſeines Wiſſens um dann auf längeren Reiſen durch Frankreich, England und Holland ſeinen Geſichtskreis zu erweitern. Zu Sedan ſtudirte er 2 Jahre in Geſellſchaft mit ſeinem Vetter, dem jungen Pfalzgrafen Friedrich und ſpäteren unglücklichen Winterkönig und begab ſich dann noch für einige Zeit nach Genf, der Hochburg des Calvinismus. Später wurde er bei Heinrich IV. in Paris vor⸗ geſtellt, wohnte in England der prunkvollen Hochzeit Friedrichs mit König Jakobs Tochter Eliſabeth bei und ſah auch den feierlichen Einzug des jungen Paares in Heidelberg mit an. In den Niederlanden kämpfte er, wie faſt alle Mitglieder ſeines Hauſes, eine Zeitlang unter dem Oberbefehle ſeines großen Vetters

Noritz von Oranien, ohne ſich aber an die Fahnen feſſeln zu laſſen. 1615 kehrte er nach Dillenburg zurück, wo er am 26. Auguſt 1617 ſich mit Urſula, Gräfin zu Lippe⸗Detmold, vermählte, einer Frau von innigſter Herzensgüte und tiefer Frömmigkeit, deren rührende Geſtalt durch die Darſtellung eines feinſinnigen Dichters allgemeiner bekannt geworden iſt.³) In demſelben Jahre verlegte der Graf ſeine Reſidenz nach Hadamar, wo ſeit 1614 das geräumige Schloß am Ufer des Elbbachs für ſeine Hofhaltung umgebaut war.

Bald brachte der Dreißigjährige Krieg die ſchwerſten Aufgaben für die naſſauiſchen Grafen. Seit die Unruhen ſich auch auf den Weſten Deutſchlands ausgedehnt hatten, beginnen die Durchzüge und Ver⸗ heerungen durch die Soldaten von allen Parteien. Die religiöſe und politiſche Tradition ihres Hauſes wie die innere Sympathie mußte die Grafen auf die Seite der proteſtantiſchen Aktionspartei führen, aber nur Johann der Mittlere von Siegen trat als pfälziſcher General entſchloſſener für dieſe Sache auf. Er bewog auch ſeine Brüder von Dillenburg, Dietz und Hadamar, ihre Lehnspflicht gegen den Kurfürſten zu erfüllen und zehn Lehnsreiter ihm zu Hülfe zu ſenden, die freilich nur zur Verteidigung der pfälziſchen Erblande dienen ſollten und noch ehe ſich das Geſchick Friedrichs in Böhmen erfüllt hatte, wieder zurückgerufen wurden. Von nun an hielt man den Ereigniſſen gegenüber die ſtrengſte Neutralität feſt, allerdings ohne für die eigenen Lande Erleichterung dadurch zu erlangen. Trotz aller mühſeligen Reiſen und Geſandtſchaften zum Kaiſer und den commandierenden Offizieren, aller Geſchenke und Beſtechungen, aller Kaiſerlichen und ligiſtiſchen Salvaguardien wurden die Länder weiter ausgeſogen und ausgeplündert. Vergebens verſuchten die Grafen durch Berufung des ſogenannten Ausſchuſſes, einer Art bäuerlicher Miliz, ihre Grenzen zu ſchützen oder mit Kur⸗Trier einen engeren Bund zu gemeinſamem Schutze abzuſchließen Auch regelmäßige Zahlungen an die Liga halfen nichts. Bei alledem drohte dem materiellen Beſitze der Grafen oder ihrem Glauben noch keine direkte Gefahr.

Das wurde anders, als durch die Heere Wallenſteins und Tillys der letzte Widerſtand der pro⸗ teſtantiſchen Partei gebrochen wurde und überall im Reiche die gegenreformatoriſchen Beſtrebungen immer mehr erſtarkten.

Ein beſonders gefährlicher Nachbar war der Kurfürſt von Trier. Es regierte damals der durch ſeine leidenſchaftliche Natur und ſeine wechſelnden Schickſale bekannte Erzbiſchof Philipp Chriſtoph von Söteren, zugleich Biſchof von Speier.

¹) Die betreffenden Stellen ſind bei Wagner I. p. 323 ff. wörtlich überſetzt. Sie hätten ſich ergänzen laſſen aus Textors Naſſauiſcher Chronik, Ausgabe von 1617 p. 189 ff. ¹) Nach einer handſchriftlichen Notiz zu SteubingsVerſuch einer naſſauiſchen Geſchichtsbibliothek im Exemplar der hieſigen Landesbibliothek exiſtiert noch im Druck eine von Johann Ludwig zu Genf gehaltene Rede über das Themaan principem deceat esse literatum, Genf 1606.

³)Gräfin Urſula in W. H. v. Riehls kulturhiſtoriſchen Novellen iſt 1856 entſtanden, jedenfalls unter dem Ein⸗ drucke des Kellerſchen Buches. Die Gräfin ſelbſt erſcheint ſtark idealiſiert, ihre geiſtige Bedeutung ſteht, nach den noch von ihr erhaltenen Briefen zu urteilen, doch etwas hinter ihrer ethiſchen Größe zurück.