Aufsatz 
Zur Geschichte der Gegenreformation in Nassau-Hadamar.
(Verhandlungen wegen Annahme der Augsburger Konfession in den Ottonischen Landen 1628 und 1629.)
Entstehung
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dem Volke wie bei der Geiſtlichkeit auf harten Widerſtand ſtoßen. Das Aufgeben auch nur eines Glaubens⸗ ſatzes oder einer Ceremonie, ja die Verſchleierung des eigenen Standpunkts um des lieben Friedens willen mußte dem Strenggläubigen als eine Sünde gegen den heiligen Geiſt erſcheinen. Es iſt ſchwer zu ſagen, was unter dieſen Umſtänden das Schickſal des deutſchreformierten Bekenntniſſes geweſen wäre, höchſt wahr⸗ ſcheinlich wäre dieſe eigentümliche und charaktervolle Sonderentwicklung in ihrem eigentlichen Weſen vom deutſchen Boden vertilgt worden, wenn nicht der plötzliche Umſchwung der Dinge nach Guſtav Adolfs Erſcheinen dem entſchloſſenen Vordringen der Kaiſerlich⸗ligiſtiſchen Partei ein Ziel geſetzt hätte.

Ein Bild im engeren Rahmen von dieſer Notlage zu geben, können vielleicht die weiter unten mit⸗ geteilten Aktenſtücke geeignet ſein. Sie ſind ſämtlich dem Kgl. Staatsarchive zu Wiesbaden entnommen und ausführlicher mitgeteilt, als es das rein hiſtoriſche Intereſſe verlangt hätte, da auch der Theologe wohl manches darin für ſeine Zwecke verwerten kann ¹).

Unmittelbar ergriffen von dieſen drohenden Bewegungen wurde auch die naſſau⸗ottoniſche Grafen⸗ familie, deren Mitglieder durch heldenhaftes Weſen und ſtaatsmänniſche Begabung oftmals eine weit über die Grenzen ihres kleinen Territoriums hinausreichende Bedeutung gewonnen hatten. Die meiſten haben mit ihrem Glauben die Stürme der Zeit überdauert, für einen Teil des naſſauiſchen Landes aber brachten die Bewegungen eine folgenſchwere Umwälzung mit ſich. Graf Johann Ludwig von Naſſau⸗Hadamar fand den ſicherſten Ausweg aus allen Bedrängniſſen, indem er 1629 zu Wien zum katholiſchen Glauben übertrat und ſich kirchlich wie politiſch der ſiegenden Partei anſchloß. In ſeinem Ländchen wurde ſogleich mit Hülfe der Jeſuiten die Gegenreformation durchgeführt, und ſo iſt bis jetzt der Katholizismus dort herrſchend ge⸗ blieben. Indem ich mir vorbehalte, an anderer Stelle ausführlicher über die Verhältniſſe, welche die Be⸗ kehrung des Grafen veranlaßten, ſowie über die Einführung des Katholizismus in der Grafſchaft Naſſau⸗ Hadamar zu handeln, gebe ich hier nur ſoviel als notwendig iſt, um die bedrängte Lage dieſes wie der benachbarten Gebiete würdigen und die folgenden Urkunden in ihrem hiſtoriſchen Zuſammenhange verſtehen zu können.

Die Geſchichte der Ottoniſchen Lande während dieſer Zeit, ſpeciell die der gegenreformatoriſchen Be⸗ wegungen, hat bis jetzt, ſo wichtig auch die Ereigniſſe ſind, eine wiſſenſchaftliche Darſtellung noch nicht gefunden. Zwar hat ſeit den vierziger Jahren der damalige Hadamarer Stadtpfarrer Jak. Wagner allmählich erſcheinen laſſen:Die Regentenfamilie von Naſſau⸗Hadamar; Geſchichte des Fürſtentums Hadamar mit beſonderer Rückſicht auf ſeine Kirchengeſchichte, von den älteſten Zeiten bis auf unſere Tage, nach Urkunden bearbeitet. In zweiter Auflage, Wien 1863 im Verlage der Mechithariſten⸗Congregations⸗ Buchhandlung. Ein günſtiger Umſtand brachte den Verfaſſer in den Beſitz von Dokumenten der früheren Jeſuitenreſidenz zu Hadamar, aus denen er in recht unkritiſcher Weiſe ſeine Erzählung zuſammenſtellte. Er trennt die politiſche und die Kirchengeſchichte, wirft ältere und jüngere Quellen bunt durcheinander, um ſich meiſt an die ausführlicheren aber abgeleiteten zu halten, gibt oft falſche Überſetzungen und bleibt vollſtändig an der einſeitig apologetiſchen, Tendenz ſeiner Urkunden haften. So iſt ſein Buch, ſo dankenswert auch die Fülle des durch ihn erſchloſſenen Materials erſcheint, doch als zuverläſſig nicht zu verwerten, und man muß auf die Vorlagen Wagners ſelbſt zurückgehen, die glücklicherweiſe noch vorhanden und leicht zu gänglich ſind ²).

¹) Herr Archivrat Dr. Hagemann geſtattete mir gütigſt die Benutzung zweier Aktenbände auf der hieſigen Landes⸗ bibliothek, Herrn Staatsarchivar Dr. Meinardus bin ich für manche Unterſtützung zu Dank verpflichtet.

²) Sämmtliche Papiere, beſonders die Jeſuitenannalen ſeit 1630, ferner das Diarium Societatis Jesu von Pater Schmal S. J.(ſeit 1702 angefertigt) und die bei Lebzeiten des Grafen Johann Ludwig von deſſen Beichtvater Pater Wiltheim S. J. verfaßte Biographie deſſelben, befinden ſich im Pfarrarchive zu Hadamar und ſind durch die Güte des Herru Pfarrers

Franz dem Verfaſſer zur Benutzung überlaſſen worden.