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Herbste 1889 die Tragödie mit meinen Oberprimanern las, wurde mir von Schülern, die Naucks Kommentar zur Vorbereitung benutzt hatten, dessen Erörterung entgegengehalten. So selten ich auch im Unterricht“ auf kritische Untersuchungen eingehe, hier durfte ich es nicht unterlassen. Ich zeigte den Schülern, daſs der Dichter es nicht nôtig hatte, die naturwissenschaftliche Seite der Sache zu berücksichtigen und entkräftete die vorgebrachten Bedenken. Bei der gemeinsamen Besprechung wurde noch darin eine Schwierigkeit gefunden, daſs vielleicht das Aufrichten der Leiche eher eine Verstärkung der Blutung zur Folge gehabt habe, während nach den Worten des Teukros das Umgekehrte der Fall sein sollte. Diesem Punkte war ein erhebliches Gewicht nicht zuzuerkennen, weil den Sophokles, wenn es sich so verhalten sollte, doch höchstens der Vorwurf treffen konnte, daſs er einmal von einer irrigen Voraussetzung aus- gegangen war, was hin und wieder auch unsern groſsen Dichtern begegnet ist. Ein strebsamer Schüler, Karl Wagner(z. Zeit Student der Elektrotechnik), der sich durch meine Darlegungen nicht befriedigt fühlte, kam auf den Gedanken eine auf dem Gebiete der Anatomie und Anthropologie hervorragende Autorität. um Auskunft anzugehen. Er setzte den Sachverhalt dem Geheimen Medizinalrat Prof. Dr. Virchow in Berlin auseinander und bat um gütige Xuſserung. In der liebenswürdigsten Weise entsprach Herr Virchow dem Wunsche des jungen Mannes durch ein Schreiben, das ich im Nachstehenden mitteile:
Berlin, den 10. November 1889.
Geehrter Herr Wagner!
Ihre beiden Fragen sind vielleicht dem Dichter gegenüber etwas zu streng. Trotzdem lassen sie sich in einem demselben günstigen Sinne beantworten.
1) Die Gerinnung des Blutes tritt bei verschiedenen Individuen verschieden früh oder spät ein. Sie kann sich bis auf 8 Tage verzögern. Aber von diesen allerdings ex- ceptionellen Fällen abgesehen, erfolgt die Gerinnung überhaupt nicht in allen Teilen des Körpers. Insbesondere bleibt das Kapillarblut flüssig und es kann dieses bei veränderter Lage des Körpers sich nach anderen Teilen des Körpers senken, auch durch inneren Druck und Spannungsverhältnisse zum Ausstofsen aus einer Wunde kommen. Die Wunden ver- zögern die Gerinnung. Dals aber ½— ³¼ Stunde in inneren Teilen des Körpers die Wärme fortbestehen kann, selbst wenn sie äufserlich schon nachgelassen hat, ist zweifellos.
2) Die Aufrichtung des Liegenden kann nach dem Gesagten auf die Richtung, in welcher sich das flüssige Blut bewegt,(senkt), einen Einflufs ausüben, und da es sich um eine Brustwunde handelt, so kann die gegen Unterextremitäten und Unterleib gerichtete Bewegung eine Verminderung der Blutung nach sich ziehen.
Sollte Ihnen das noch nicht genügen, so vergessen Sie den Anspruch des Dichters auf eine gewisse Licenz nicht. Das ganze Mittelalter hielt an dem Bluten der Wunden so fest, dals ein Dichter des Altertums wohl auf Nachsicht rechnen darf, wenn nicht alles naturwissenschaftlich zutrifft.
In der Hoffnung, dals Sie aus meinen Bemerkungen einigen Nutzen ziehen können, zeichne ich mit freundlichem Grufse
R. Virchow.
Ich freue mich, daſs ich mit dem Verfasser des Briefes, dem ich während der Verhandlungen der Berliner Schulkonferenz sehr habe widersprechen müssen, in dieser philologischen Frage vollkommen einverstanden bin.
Vielleicht könnte jemand in meinen letzten Ausführungen einen inneren Widerspruch zu der Stellung suchen, die ich hinsichtlich der Berücksichtigung der Wirklichkeit bei Vers 650 ff. eingenommen habe, aber ich hoffe, der Unterschied der Sachlage ist einleuchtend. Um eine bestimmte Wirkung auf seine Zeitgenossen zu erzielen, darf der dramatische Dichter, wie ich bereits andeutete, von der wissenschaft-


