Aufsatz 
Kritische und erklärende Bemerkungen zu Sophokles' Aias / R. Paehler
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4.2 1

40

lichen Wahrheit abgehen. Er ist kein Geschichtschreiber, das hat uns Lessing nachgewiesen; ebenso- wenig ist er Naturforscher, Geograph oder Techniker. Wir sind daher nicht befugt ihm naturgeschicht- liche Genauigkeit dann als Gesetz aufzuerlegen, wenn seine Worte nicht an das Wissen, sondern nur an Gefühl und Phantasie der Zuschauer sich wenden. In solchem Falle ist die Frage, in wie weit die ihn leitende Vorstellung naturwissenschaftlich haltbar ist, für die Auslegung des Sinnes wie die kritische Untersuchung nicht mafsgebend. Ganz anders müssen wir den aus dem technologischen Gebiete ent- lehnten Vergleich behandeln. Hier tritt der Dichter als Kenner des Schmiedehandwerkes auf, der ein entsprechendes Wissen bei seinen Höôrern voraussetzt. Deshalb darf er die Wahr- heit nicht in ihr Gegenteil umkehren, zumal höhere Absichten, die ihn dazu veranlaſsten und berechtigten, unmöglich vorliegen. Khnlich ist es mit dem meteorologischen Bilde in Vers 257 f., welches nicht auf einer der Wirklichkeit widerstreitenden Auffassung beruhen kann. Wenn nun aber selbst dort, wo wir dem Dichter die volle Freiheit von dem Zwange der sachlichen Genauigkeit einräumen, die Kritik des naturwissenschaftlichen Beurteilers im wesentlichen günstig für die Worte des Dramas ausgefallen ist, so spricht das um so mehr für die Sachkenntnis und Lebenserfahrung des Sophokles und läfst es geradezu undenkbar erscheinen, daſs er die gröbsten Irrtümer begangen habe, wo er in bewulster und hervorhebender Weise technische und physikalische Dinge zur Grundlage seiner poetischen Gedanken wählte.

Nachtrag.

Als die Erörterung über Vers 651 schon gedruckt war, fand ich erst, dals Wecklein das oben (S. 10) besprochene Fragment des Sophokles(Dind. 761) im Rhein. Museum(Band 36, S. 141) zum Gegen- stande einer kritischen Behandlung gemacht hat. Er schreibt den zweiten Vers: rAIEI' E&SATSn i raA Ier' AßAdera. Der Gedanke ist bei dieser Anderung richtig erfaſst, aber der Acrist SnSn erscheint wenig angemessen, da wir dafür das Praesens erwarten. In dieser Hinsicht würde ein Vorschlag, den Enger(Programm des Gymn. zu Ostrowo 1863 S. 24) gemacht hat: ³eαmρᷣe!(im Nu*!) reSnzrr, G‿ν ταe ν εμνυωᷣera mehr zu empfehlen sein; denn das Perfekt paſst wenigstens besser als der Aorist. Engers Konjektur ist von Gomperz(Sitzungsberichte der philos. histor. Kl. der K. Akademie der Wissenschaften zu Wien, Bd. 116 S. 15) wiederholt worden, jedoch so, dals er für&᷑εαρρ die Form dæapi setzt. Für den Gedanken vergleicht Gomperz Arist. Rhetor. II 1390 a 12: 2Hν m 0 Suν õ(der Greise) setc εν, dοevetc é eioiον. Das ist ganz zutreffend, allein eine endgültige Heilung des vor- liegenden Schadens scheint mir immer noch nicht erzielt zu sein.