Aufsatz 
Die Löschung des Stahles bei den Alten : (eine Erörterung zu Sophokles' Ajax 650 ff.) / Paehler
Entstehung
Einzelbild herunterladen

gefundenen Eisenstücke aus römischer Zeit entspricht diesen Angaben, da die durchgeschmiedeten Luppen nach unseren Begriffen sehr locker sind.

Nun darf allerdings nicht bezweifelt werden, dals der beste Stahl der Alten ein viel dichteres Gefüge gehabt hat und der festeren Gestalt unseres Eisens und Stahles ähnlicher gewesen ist, aber soviel kann als sicher gelten, daſs im grolsen und ganzen das Eisen der Griechen und Römer ein ziemlich poröses gewesen ist. Wurden die aus so beschaffenem Eisen zum Zwecke des Geldes her- gerichteten Stücke glühend in Essig gelöscht und dabei nicht blos für einen Augenblick in die Flüssigkeit getaucht, sondern nach der Abkühlung noch längere Zeit in derselben belassen(das letztere erwähnt Plutarch freilich nicht!l), so vermochte der Essig durch dieÖffnungen und Gänge bis in das Innerste einzudringen und seine angreifende Wirkung zu thun. Infolge hiervon mufste das Eisen unter dem Einflusse des Sauerstoffs der Luft leichter rosten. Wenn bei Aristoteles(ρορνανναωναα eνιταοωια 3, 19. Didot IV, S. 328) auf die Frage: di⁴ mταντ σς τιν Aνη ναν τιν iInov Lot udνοσαα die Antwort versucht wird, daſs der Essig das Metall zu durchdringen vermöge, es in Gährung versetze und die erdigen Bestandteile hervortreibe, so wird das Ungenügende dieser Erklärung wegen der Dürftigkeit des chemischen Wissens der Alten nicht auffallen. Könnte man aber die Notiz hinsichtlich ihrer thatsäch- lichen Unterlage für die Lösung der uns beschäftigenden Schwierigkeit benutzen, so möchte es fast scheinen, als ob eine schnelle Verrostung des eisernen Geldes den Zwecken der ganzen Einrichtung der Lace- dämonier entsprochen habe. Doch würde der Grund davon schlechterdings nicht zu begreifen sein.

Wir werden daher gut thun, Plutarchs Angaben bezüglich der Wirkungen des Essigs in das Gebiet der Fabel zu verweisen und uns nach einer anderen Deutung umazusehen. Mir scheint, es sei von der Eryxiasstelle auszugehen, die eigentlich nur besagt, dals die Lacedämonier sich zur Herstellung des Geldes der unbrauchbaren Gattung des Eisens bedient hätten; sie nahmen hiernach nur solches Eisen, das sie von vornherein zu anderen Zwecken nicht zu benutzen, also wohl zu Waffen, Werkzeugen etc. seiner Beschaffenheit wegen nicht zu schmieden vermochten. Wenn diesem(stahlartigen) Eisen die ihm für seinen späteren Zweck bestimmte Form gegeben war ursprünglich waren es wirkliche Stäbe oder Barren, 68eX00, 5eA1Oor,, 80 mochte man es der Härtung wegen(soweit das Material eine solche zuliels) glühen und dann für einen Augenblick in Essig tauchen, um es zu löschen. Weshalb man dazu Essig nahm, ist nicht zu sagen. Wasser würde dieselben Dienste gethan haben. Allein dieser Umstand kann nicht gegen die Deutung angeführt werden. Denn dals bezüglich der Wahl und Zusammensetzung desHärtewassers der Aberglaube im Altertum wie in späteren Zeiten eine grolse Rolle gespielt hat, sahen wir schon oben(S. 13 f.) ¹1). Wenn man nachher, als das Eisengeld den aus edleren Metallen geprägten Münzen gänzlich gewichen war, den Vorgang nicht mehr verstand, so ist das nicht eben auffallend.

Beachtenswert ist jedenfalls, daſs der Eryxias-Dialog, wenn er auch mit Unrecht dem Plato zuge- schrieben ist, doch seiner Abfassung nach gewiſs noch in das 4. Jahrhundert v. Chr. gehört. Wir haben also in ihm die ältere Quelle; auch spricht der Verfasser desselben von Dingen, die zu seiner Zeit noch bestanden (voονμιεαοοαασι(, während Plutarchs Mitteilung(os Aerera AppelXero und roĩτo ¹ 1 05) deutlich erkennen läſst, dals er nur nach Hörensagen erzählt bezw. die Meinung seiner Quellenschriftsteller wiedergibt.

Dafs Plutarch bezw. seine Gewährsmänner dem Essig eine so mächtige Wirkung zuschreiben konnten, erklärt sich aus der feststehenden Thatsache, daſs sich Griechen und Römer von der zersetzenden und zerstörenden Kraft des Essigs, der einzigen Säure, welche sie kannten, überhaupt ganz übertriebene Vorstellungen machten.

¹) Man wende hiergegen nicht ein, dafs uns von der Benutzung des Essigs als Härtemittel sonst weder aus alter noch aus neuer Zeit irgend etwas bekannt sei. Die Sache beweist nur, wie richtig es ist, wenn Friedr. Dietlen(Eisen-Zeitung, VI. Jahrg., No. 6. v. 5. Febr. 1885, S. 99) behauptet, dafsbald keine Flüssigkeit existiert, die nicht zum Härten des Stahles verwendet wurde.