Aufsatz 
Die Löschung des Stahles bei den Alten : (eine Erörterung zu Sophokles' Ajax 650 ff.) / Paehler
Entstehung
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Man hatte die auflösende Wirkung, die der Essig auf einzelne Mineralien hervorbringt, richtig beobachtet und fehlte nur darin, daſs man diese Wirkung zu sehr verallgemeinerte und vergröfserte. Ein Beispiel mag dies belegen. Livius erzählt uns(XXI, 36 u. 37), dals Hannibal mit seinem Heere auf der Höhe der Alpen an eine Stelle gekommen sei, wo durch einen Felsen mit mächtigen, schroff aufsteigenden Wänden der Weg gesperrt gewesen. Da hätten denn auf seinen Befehl die Soldaten gewaltige Baumstämme gefällt, rings um den Felsen einen riesigen Scheiterhaufen gemacht und diesen in Brand gesteckt, worauf das glühende Gestein durch aufgeschütteten Essig so mürbe gemacht worden sei(ardentiaque saxa infuso aceto putrefaciunt), dals man sich mit dem Eisen einen Weg dqurch den Fels habe bahnen können. Es sei dadurch ein Aufenthalt von 4 Tagen verursacht worden. 1

Der Kommentar in der Weissenborn-Müllerschen Ausgabe verweist zur Erklärung auf die übrigen Stellen, wo die Sache erwähnt wird(Appian, de bello Hann. 4; Juvenal 10, 153 ¹); Ammian. Marcell. 15, 10, 11), hebt hervor, das hier beschriebene Verfahren sei bei dem Bergbau, den in Spanien die Einge- borenen und die Punier trieben, angewendet worden(Plin. 23, 57 und 33, 71), also gewils Hannibal und vielen seiner Soldaten bekannt gewesen, und meint, da diese wohl(1) ebenso wie die Römer Essig mit sich führten, um das Trinkwasser mit demselben zu vermischen(App.: eνde arn a* 35e4²), 80 Sei die Nachrichtan sich nicht unglaublich. Auch Wölfflin ist der Ansicht,das Faktum werde nicht gänzlich aus der Luft gegriffen sein, indem er betont, daſs die Soldaten Essig in ihren Feldflaschen(1) mitführten, den sie durch Zusatz von Wasser zur sog. posca verdünnten. Mir will die Sache, wie sie erzählt wird, absolut unglaublich erscheinen.

Man kann ein Gestein durch angelegtes Feuer so erhitzen, daſs es in sich selbst zersprengt und zertrümmert. Es ist das ein Verfahren, däs mit einem bergmännisch-technischen Ausdruck dasFeuersetzen genannt wird. Dasselbe ist nicht nur im Altertum, sondern auch im Mittelalter, ja selbst lange in der neueren Zeit beim Bergbau in den Gruben in Anwendung gewesen, auch zur Sprengung freiliegender grolser Feldsteine noch in unserem Jahrhundert vielfach gebraucht worden.(Vergl. Gätzschmann, Vollständige Anleitung zur Bergbaukunst III, S. 678 717.) Man hat dabei häufig das erhitzte Gestein mit Wasser begossen, um durch die plötzliche Abkühlung die Sprengung zu befördern; doch sind über die Zweck- mälsigkeit dieses Mittels die Ansichten geteilt, da manche die Ablöschung durch eine Flüssigkeit für nutzlos, wenn nicht für schädlich erachten. Darüber mag man streiten; dals aber die verhältnismäfsig geringe Quantität Essig, die das Heer der Punier auf dem Marsche mit sich führen mochte,(selbst wenn alle Soldaten den Inhalt ihrer Felqflaschen opferten!) bei der Auflösung gewaltiger Felswände(rupes in immensum elata Amm. Marc. I. cit.), auch wenn diese aus Kalkstein bestanden haben sollten, irgend eine erhebliche Wirkung geübt habe, halte ich für geradezu undenkbar. Gätzschmann behauptet a. a. O. S. 692 unter Anführung der Liviusstelle, dalsEssig natürlich nicht anders und mehr wirken konnte als Wasser), nicht aber, wie die Alten aus Vorurteil glaubten, noch eine ganz besondere Wirkung auf das Gestein ausübte.

Eher annehmbar als die Livianische Mitteilung ist schon der Bericht des Appian, der zwar im ganzen mit Livius übereinstimmt, aber einen nicht unwichtigen Zusatz macht, indem er bemerkt: εκνb ασνν al eu. Da hier das Wasser, welches Hannibal an dem Orte(vergl. Liv. XXI, 36, 6 u. 7) zur Genüge haben konnte, vorangestellt ist, so tritt die intensive Wirkung, die der Essig als solcher im Gegensatz zu anderen Flüssigkeiten üben soll, doch etwas in den Hintergrund.

¹) Hier wird gar der Essig allein als das die Berge sprengende Mittel bezeichnet:(Hannibal) diducit scopulos et montem rumpit aceto. 3

²) Diese Worte Appians scheinen in diesen Zusammenhang nicht recht zu passen, da an der betreffenden Stelle von Trinkwasser keine Rede ist.

¹) Die von mir(freilich in ganz kleinem Mafsstabe) angestellten Experimente haben dieses Urteil durchaus bestätigt.