Aufsatz 
Die Löschung des Stahles bei den Alten : (eine Erörterung zu Sophokles' Ajax 650 ff.) / Paehler
Entstehung
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wissen, daſs durch die mehrmalige Operation die Gefahr wuchs, den Stahl zu verderben. Es gibt beim Glühen des Stahles eine gewisse Grenze, die nicht überschritten werden darf, wenn er nicht unbrauchbar werden soll. Die heutige Metallurgie lehrt uns insbesondere, dals es von dem gröſseren oder geringeren Reichtum des Stahles an Kohlenstoff abhängt, ob er in schwächerem oder stärkerem Grade erhitzt werden mulſs, so dals auch in dieser Beziehung eine durchaus eigenartige Behandlung des Stahles erforderlich ist. Wird der Stahl zu stark erhitzt, so wird erverbrannt; er wirdsehr schwer schmiedbar, spröde und bricht unter dem Hammer zerfallend(Prechtl, Technologische Encyklopädie XV, 325), ja er läſst sich in kaltem Zustande zerbröckeln. Die Mittel, die man anwendet, ihn wiederherzustellen, haben nur mälsigen Erfolg, da der Stahl bei aller Härte an Festigkeit und Zähigkeit dauernd verloren hat. Auch kohlenstoff- armes weiches Schmiedeeisen kann bei fehlerhafter Behandlung durch Überhitzen verbrannt werden; es wird dadurch brüchig und mürbe. Doch haben wir für die Antigonestelle nicht an Schmiedeeisen, sondern an Stahl zu denken, wie das Beiwort ενκραεσαos hinlänglich erweist.

Demnach erklären wir den Vergleich, dessen sich Kreon bedient, in folgender Weise:Der allzu starre Sinn der Antigone wird gerade so gebrochen werden, wie der härteste Stahl, wenn er überhitzt aus dem Feuer kommt, unter dem Hammer des Schmiedes zerspringt und reilst. Wenn diese Erklärung angenommen wird, so ergibt sich aus der Stelle die Thatsache, daſs bei der Fabrikationsweise der Alten dasVer- brennen des Stahles vielfach vorgekommen ist. Hierbei ist noch besonders zu beachten, daſs die Griechen und Römer die Ursache der Verbrennung des Stahles nicht kannten, wie sie auch nichts davon ahnten, worin der eigentliche Unterschied zwischen hartem und weichem Eisen, zwischen Stahl und Schmiedeeisen bestehe. Daher konnten sie von einer Verbesserung des verbrannten Stahles durch Glühen mit Kohlenstoff abgebenden Substanzen nichts wissen; er war für sie absolut unbrauchbar geworden. Zur Erläuterung der Sache dient noch, dals die Verbrennung des Stahles bei den Alten häufiger sich ereignen mulste als heutzutage, weil sie sich naturgemäſs nicht vorher durch Proben über den Kohlenstoffgehalt des Stahles Aufklärung verschaffen konnten, wie dies unsere Techniker nicht selten thun).

Noch eine zweite Deutung der Stelle scheint möglich zu sein.

Es ist bekannt, dafs der Stahl, wie das Eisen, wenn das Metall nach dem Ausschmelzen der Erze aus dem Feuer genommen wird, eine unförmliche Masse bildet. Bevor der Stahl verarbeitet werden kann, muſs er zunächst zu Stäben umgeschmiedet werden. Dabei ist um so behutsamer zu ver- fahren, je härter er ist. Der Schmied tupft anfänglich nur ganz leise auf das Metall und schlägt erst kräftiger zu, wenn es mehr und mehr erkaltet, bis er zuletzt auch die stärksten Schläge wagen darf; anders verhält sich die Sache bei weichem Eisen; dasselbe erträgt schon am Anfang Schläge, durch die der harte Stahl. sofort zersplittert werden würde. Nimmt man diese Thatsache zur Grundlage der Erklärung, so sagt Kreon: Sowie der Schmied gerade den härtesten Stahl, wenn dieser eben aus dem Feuer kommt, am leichtesten zertrümmern kann, so werde auch ich den allzustarren Sinn der Antigone zu brechen wissen. Die Auf- fassung würde nicht nur vom technologischen Standpunkte aus unanfechtbar sein, sondern auch ein klares und leicht verständliches Bild geben.

Trotzdem möchte ich der von der Verbrennung des Stahles ausgehenden Deutung den Vorzug zuerkennen. Bei der zweiten Erklärung ist nämlich vor SPavoSéura u Sarsyra ein Gedanke zu ergänzen, und zwar:wenn beim Schmieden nicht sorgfältig verfahren wird; davon findet sich nichts im Text. Obendrein hat der Vergleich selbst seine Schwäche. Wenn der härteste Stahl nach der ersten Schmelzung im hochglühenden Zustande unter dem Hammer zerbröckelt, so hat der Schmied einen Fehler begangen, den zu vermeiden in seiner Macht stand. Zudem ist wohl auf die folgenden Verse(477 ff.) Rücksicht zu nehmen, in denen Kreon bemerkt, dals durch einen leichten Zügel das wilde Roſs bezwungen

¹) Vergl. Karmarsch und Heeren, a. a. O. S. 223.