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der Gründung der Universität Prag wissbegierige Jünglinge dorthin eilen, um in die Wissenschaften eingeführt zu werden, sucht man in den Monumenta histor. Universitatis Carolo-Ferdinandeae I. II. vergeblich nach einem Wisbadensis. Kaum dass die warmen Bäder zum Studium der Medicin anregten; noch lange Zeit besorgten die Bader der Stadt die medicinische Praxis, oder es kamen im Sommer Aerzte von Mainz oder Frankfurt, um den Kurfremden mit Rath zur Seite zu stehen. Nur ein einziger Name weist auf Wiesbaden hin, Christophorus Heyl oder Soterius, welcher nach Jöcher aus Weissbaden ¹) stammte und in Leipzig um 1530 als Professor lebte; er schrieb de artificiali medicatione, Mainz 1534, 4⁰, und übersetzte die Schrift von Galen de cognoscendis et curandis affectibus ²).—
Trotzdem finden wir schon am Ende des Mittelalters eine Schule zu Wiesbaden; in den Jahren 1477, 1485, 1486 werden Schulmeister oder Kindermeister erwähnt. Die Schule war eine deutsche, und erst zur Zeit der Reformation wurde eine Lateinschule mit ihr vereinigt, in welcher die Elemente des Lateinischen gelehrt werden sollten; ein Lehrer, welcher zugleich einen Theil der Pfarrgeschäfte in Wiesbaden und Clarenthal besorgte, unterrichtete die wenigen„lateinischen Knaben“ etwa drei Jahre lang, worauf sie auf dem Gymnasium zu Idstein ihre Schulbildung vollendeten.
Einen Aufschwung schien die Schule nehmen zu sollen, als im Jahre 1744 Wiesbaden der Sitz der Regierungscollegien des Fürstenthums wurde. Die zahlreichen Beamten, welche damals ihren Wohnsitz hierher verlegen mussten, fanden die Leistungen der Schule durchaus nicht ihren Erwartungen und Anforderungen entsprechend und drangen auf eine Umgestaltung und Erweiterung derselben; doch diese scheiterte an dem Widerstreben der städtischen und Aufsichtsbehörden, namentlich des Inspectors Hellmund, sowie der älteren Lehrer selbst; es blieb im Wesentlichen bei dem Alten ³3). Den Unterricht ertheilte wie bis dahin auch ferner ein junger Geistlicher mit dem Titel Rector, der so bald als möglich diese Stellung mit einer einträg- licheren Pfarrstelle oder wenigstens für einige Jahre mit einer Lehrstelle am Gymnasium zu Idstein zu vertauschen strebte; man fand dies auch ganz natürlich, denn„lange, meinte im Jahre 1746 der Stadtrath, könne man es bei dem verdriesslichen Schulehalten doch nicht aushalten“. Daher folgten in den fünfzig Jahren von 1750— 1800 nicht weniger als fünfzehn Rectoren in raschem Wechsel auf einander, von denen nur einer zehn Jahre blieb, die meisten vier Jahre oder weniger ¹⁴).
Betrachten wir den Zustand der Schule, wie er, am Ende ihres Bestehens im Jahre 1806 war. Wir legen dabei einen Bericht des letzten Rectors C. Ph. S. Schellenberg, den er am 23. Februar des genannten Jahres abstattete, zu Grunde; dabei müssen wir vorausschicken, dass dieser thätige Mann, welcher am 3, October 1800 in sein Amt eingetreten war, während der sechs Jahre alle Kraft aufgeboten hatte, sie zu heben, und ihr wirklich einen neuen Geist einzuhauchen verstanden hatte, so dass die Zahl der Schüler alsbald sich von den anfänglichen fünfzehn auf etwa vierzig hob. Der Rector unterrichtete damals in 26 wöchentlichen Lehrstunden seine Schüler, die in drei(früher wohl gar in fünf) Ordnungen getheilt waren, aber nur eine Classe bildeten, in folgenden Lehrgegenständen: 1. Religion und Moral mit Beispielen, 4 St.; 2. Naturkunde(Naturgeschichte und Naturlehre, Lehre vom Bau des menschlichen Körpers), 2 St.; 3. Erä- und Himmelskunde, 2 St.; 4. Geschichte und zwar nur solche Thatsachen, welche sittliches Interesse haben, 2 St.; 5. Schriftliches un vorzüglich Kopfrechnen, 2 St.; 6. Reine Mathematik in Hinsicht auf das bürgerliche Leben, 1 St., bisweilen 2 St. ausser den ordentlichen Lehrstunden; 7. Deutsche Sprache(Ortho-
¹) Diese Namensform findet sich neben Wiszbad auch bei Joh. Guinther, comment. de baln., 1565, und in den Acta 88. Jun. I, pag. 179 wird Weissbad als Alba balnea erklärt. Ueber die Ableitung des Namens s. m. Geschichte der stadt Wiesbaden, 1877, pag. 76.
²) Die Notiz mag entlehnt sein aus Conr. Gesneri bibliotheca universalis, 1545, welcher den medicum Wisbadensem erwähnt. Auch Linden renov., Schenck bibl. medic. u. a. erwähnen Heyl aus Weissbaden.
³) Vergl. Annalen des Vereins für nass. Alterthumskunde und Geschichtsforschung, XV, pag. 396.
⁴) Siehe das Verzeichniss bei Ebhardt, Geschichte der Stadt Wiesbaden, pag. 226.


