Aufsatz 
Geschichte der Friedrichsschule zu Wiesbaden : Separatabdruck aus dem Programm des königlichen Gymnasiums, Ostern 1880 / von Fr. Otto, Oberlehrer am königlichen Gymnasium zu Wiesbaden
Entstehung
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deren Inhalt vom sittlichen Standpunkte aus ein entschieden verwerflicher war. In einigen Fällen ergab die Untersuchung, dass die Schüler diese Unterhaltungsbücher zum Geschenk empfangen von ihren Eltern, die allerdings keine Ahnung davon hatten, was darin zu lesen war. Und doch ist es eine heilige Pflicht der Familie, dass jedes derartige Buch, bevor es dem Kinde geschenkt wird, vom Vater oder der Mutter genau durchgesehen und wenigstens darauf geprüft wird, ob es nichts enthält, was der guten Sitte wider- streitet. Maxima puero debetur reverentia!

Ich habe mich zu vorstehenden Bemerkungen, die ich leicht noch vermehren könnte, verpflichtet gehalten, weil die mehrjährige Erfahrung, die ich in meiner hiesigen Stellung gesammelt, mir den Gedanken nahe gelegt, dass hinsichtlich der Gemeinsamkeit in der Arbeit der Familie und der Schule noch viel gebessert werden kann. Dankbar erkenne ich es an, dass manche Eltern nach Kräften bestrebt sind, uns die Lösung unserer Aufgabe zu erleichtern; aber ich darf es andrerseits leider nicht verhehlen, dass es auch Familien giebt, welche die Schule nicht als den natürlichen Verbündeten des Hauses zu betrachten scheinen, sondern sich ihr gegenüber mindestens gleichgültig verhalten, die unsere Bestrebungen nicht unter- stützen, ja ihren Kindern wohl gar in der Uebertretung der Schulordnung Vorschub leisten und alle vorgekommenen Fehler und Unarten, sobald die Strafe eintreten soll, zu verdecken und zu beschönigen bemüht sind. Wenn so verfahren wird, so treibt man uns geradezu in einen für das Werk der Erziehung gefähr- lichen Conflict mit dem Elternhause. Denn die Ordnungen der Schule werden wir, wo es nöthig ist, selbst mit den schärfsten Disciplinarmitteln aufrecht halten sogar auf die Gefahr hin, von einzelnen Beurteilern übermässiger Strenge geziehen zu werden.

Und doch kann darüber kein Zweifel obwalten, dass wenn irgendwo, so namentlich in Wiesbaden bei den besonderen Zuständen hiesiger Stadt das Ziel des Gymnasiums, seine Zöglinge nicht blos zu denkenden Menschen heranzubilden, sondern auch mitzuwirken, dass sie zu echter Religiosität und wahrer sittlichkeit erzogen werden, nur dann ganz und voll zu erreichen ist, wenn Haus und Schule treu zusammenstehen und immermehr ein Verhältnis gegenseitigen Vertrauens und gegenseitiger Hilfleistung sich herausgestaltet. Es liegt mir fern zu behaupten, dass es nur Schuld des Hauses sei, wenn wir von dem Ideale in dieser Hinsicht noch weit genug entfernt sind; auch wir Lehrer sind Menschen. Aber wenn Fehlgriffe vorkommen, so kann denen Abhilfe geschaffen werden, falls die Eltern in geeigneter Weise die Dinge zu meiner Kenntnis bringen wollen, worüber sie sich zu beschweren für berechtigt halten. Ich sage: in geeigneter Weise, also nicht durch anonyme Zuschriften und Zeitungsartikel mit vagen Behauptungen oder An- schuldigungen, die bei näherer Prüfung in sich zerfallen; denn dadurch dient man nicht der Verständigung zwischen der Schule und der Familie. Dagegen werde ich für jede auf Thatsachen sich gründende Mitteilung, die im Interesse der Erziehung oder des Unterrichtes mir gemacht wird, stets aufrichtig dankbar sein. Die geehrten Eltern mögen fest überzeugt sein, dass eine solche niemals ihrem Kinde auch nur den geringsten Nach- teil bringen, sondern dass sie lediglich zu einer eingehenden und objectiven Prüfung der Sache Veranlassung geben wird. Am angenehmsten ist es mir in diesem Falle, wenn die Eltern, soweit es ihnen möglich ist, nicht den Weg schriftlicher Correspondenz wählen, sondern mich mit ihrem Besuche gütigst beehren wollen, zumal da manches Missverständnis bei einer persönlichen Verhandlung rasch ausgeglichen wird.

Ich schliesse mit der freundlichen Bitte, dass man die dargelegten Wünsche und Ratschläge, wie ich sie in bester Absicht veröffentlicht habe, so auch in wohlwollendem Sinne aufnehmen möge.

Wiesbaden, den 21. März 1880. Dr. Paehler.