Aufsatz 
Geschichte der Friedrichsschule zu Wiesbaden : Separatabdruck aus dem Programm des königlichen Gymnasiums, Ostern 1880 / von Fr. Otto, Oberlehrer am königlichen Gymnasium zu Wiesbaden
Entstehung
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Geschichte der Friedrichsschule zu Wiesbaden. Von F. Otto, Oberlehrer.

Die Priedrichsschule zu Wiesbaden war zwar nur von kurzer Dauer, indem sie am 10. November des Jahres 1806 eröffnet und schon am 30. April des Jahres 1817 wieder aufgehoben wurde; allein in der Geschichte des gelehrten Schulwesens der Stadt Wiesbaden nimmt sie einen bedeutsamen Platz ein: sie bildet den Uebergang von der alten Lateinschule zu dem Pädagogium, das an ihre Stelle trat und im Jahre 1844 zu dem jetzt bestehenden Gymnasium erweitert wurde. So ist sie das Mittelglied der alten und neuen Zeit und Anschauung über Schuleinrichtungen und zeigt vielfach den Uebergang aus jener in diese, wie er sich in den kleinen Verhältnissen einer noch unbedeutenden, aber eben emporblühenden Stadt gestaltete; sie hat daher ausser dem localen auch allgemeineres Interesse. Wir wollen im Folgenden eine Geschichte derselben entwerfen und benutzen dazu vor allem die in dem Staatsarchive zu Idstein aufbewahrten Aktenstücke, welche die Friedrichsschule betreffen. Für die Liberalität, mit welcher uns der Herr Staatsarchivar Dr. Sauer bei Benutzung derselben entgegenkam, sagen wir demselben auch hier unseren gebührenden Dank.

Ausserdem haben sich, soweit es uns bekannt ist, noch drei Programme der Anstalt erhalten: das eine, und zwar das erste der Anstalt, vom Jahre 1809 ist im Besitze des Verfassers dieser Geschichte und enthält einekurze und vorläuflge Nachricht von der gegenwärtigen Einrichtung der Friedrichsschule zu Wiesbaden von dem Rector C. Ph. S. Schellenberg, welcher damit zu der am 17. April 1809 zu haltenden Prüfung einladet. Die beiden anderen Programme befinden sich in der Gymnasialbibliothek: das von dem Jahre 1813(26. April) enthält eine Abhandlung des Rectorsüber die Mitwirkung der Eltern zur sittlich- religiösen Bildung ihrer den öffentlichen Schulen anvertrauten Kinder, 21 S. 80, nebst einigen Schul- nachrichten; das andere ist vom Jahre 1816(22. und 23. April) und bietet eineUebersicht der Lehr- gegenstände, in welchen während des Winterhalbjahrs in der Friedrichsschule zu Wiesbaden die Zöglinge unterrichtet worden sind, von dem Rector Schellenberg. Endlich wollen wir noch eines kleinen Gedichtes erwähnen, das die Lehrer der Schule alsletzte herzliche Worte an die aus der Priedrichsschule abgehenden Töchter am Schlusse der Prüfung den 7. Mai 1810 richteten, ebenfalls im Besitze des Verfassers.

Wir werden zuerst einen flüchtigen Blick auf die Lateinschule werfen, um das Bedürfniss nach Aenderung derselben zu rechtfertigen, sodann die Verhandlungen über die Errichtung der Friedrichsschule folgen lassen und an diese die kurze Geschichte der Anstalt anreihen..

I.

Das Bedürfniss nach höherer Bildung scheint in den Zeiten vor dem dreissigjährigen Kriege in der

guten Stadt Wiesbaden nicht eben gross gewesen zu sein. Ausser dem Bischofe Nicolaus von Speyer(1381 96),

welcher ein Sohn der Stadt war, finden sich keine Spuren davon, dass aus Wiesbaden hervorragende Gelehrte

oder Männer der Wissenschaft und Kunst hervorgegangen wären. Während daher aus den damals ebenso

grossen Nachbarorten des Mittelrheins, Lahnstein, St. Goar, Caub, Rüdesheim, Montabaur u. a. sofort nach . 1