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Brief erkennen ¹). Es dürfte weiter dafür der Umstand reden, dass Müller keinen seiner grössern Stoffe so rasch mehr wie früher zum Abschluss brachte. Es entspricht endlich Lessing's Richtung, wenn wir bald Müller sich dem Studium der Antike hingeben sehen, behufs der von ihm ergriffenen Historienmalerei. 4
Bald nach Lessing's Abreise gieng Müller auf Wagner's Einladung nach Frankfurt. Hier verkehrte er im Göthe'schen Hause und namentlich mit Klinger, durch welchen er mit der Seyler'schen Gesellschaft bekannter wurde. Auf dem Rückweg kehrte er nicht in Darmstadt ein, worüber ihm Merck in einem Briefe Vorwürfe machte. Die italienische Reise beschäftigte ihn mehr und mehr. Ausser Kaufmann, der am 3. Januar 1777 wieder nach Mannheim gekommen war, hatte Lessing in ihm die Sehnsucht nach dem Lande der Kunst erweckt. Da verlautete durch Grossmann, man gehe mit der Absicht um, Müller durch eine feste Stellung in Mannheim zu halten. Seine Freunde und Gönner hatten ihren Einfluss dabei nicht gespart; dennoch aber blieb die Angelegenheit zweifelhaft. Dies versetzte ihn in eine düstere Stimmung.
Endlich am 9. Juni 1777 wurde er von Carl Theodor durch Patent zum Kurfürst- lichen Cabinetsmaler ernannt ²2). Es zog ihn nach diesem glücklichen Ereignis zunächst nach Zweibrücken. Hier war er von seiner Braut und den Freunden seit langer Zeit vergebens erwartet worden und die geschäftigen Feinde hatten daraus neue Waffen geschmiedet, ihn zu verunglimpfen. Es gewährte ihm eine grosse Genugthuung, sich in seiner neuen Stellung zu präsentiren und einen Triumph über seine Gegner zu feiern 3). Nach seiner Rückkehr arbeitete er in der Gallerie und componirte; daneben studirte er unermüdlich im Antikensaale die Meisterwerke der alten Kunst ¹).
Sein lyrisches Drama Niobe entstand in dieser Zeit, das letzte in Deutschland vollendete Werk. Berührt sich auch Müller hier im Grundgedanken mit dem Göthe'schen Prometheus, so ist dasselbe doch in der ganzen Auffassung original. Lebendige, dramatische Entwickelung und die meisterhafte Charakterzeichnung der Niobe sind die Lichtseiten, welche von den Schatten, wie sie auf Seiten der Form in reichem Masse zu finden sind, doch nicht ganz verdunkelt werden können. Die ganze Anlage ist künstlerisch; man ist fast versucht anzunehmen, dass er jenes wundervolle Werk alter Kunst auf den Gedanken habe zurückführen wollen, aus dem es entstanden ist. Das aber darf man wol sagen, dass es die unmittelbare Wirkung der Grösse der alten Kunst war, welche ihn zu dem Drama anregte. Allein er verstand es nicht mit der Klarheit und Herrschaft über den Stoff durchzuführen, wie dies später Göthe in seiner Iphigenia that.
Müller hatte die Absicht, noch im Herbste nach Düsseldorf zu gehen, wohin ihn Jacobi
¹) Werke 8, S. 273.
²) Das Original ist in meinem Besitz. ³) Exter an Müller 21. August 1777. 4) Olla potrida a. a. O.


