Aufsatz 
Zur Lebensgeschichte des Dichters und Malers Friedrich Müller / Oertel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

gerichtet; Müller hat sich ausdrücklich dagegen verwahrt. Er sagt in einer Anmerkung ¹) zu noch ungedruckten Poesien über Gessner:Mit Vergnügen ergreife ich die Gelegenheit, hier auf eine ungeheuchelte Weise die Hochachtung, die ich für das Andenken dieses vortreflichen Dichters hege, an Tag zu legen, um so mehr, da eine gewisse Stelle in meiner Schaaf-Schur Gelegenheit zu unrichtiger Auslegung bey manchen gegeben, wobey ich aber doch auf keine Person insbesondre gezielt. Die schönsten, edelsten moralischen Handlungen liegen so gut in der Schäfer-Natur und vielleicht noch reiner als in jeder andern; allein eine gewisse Geschick- lichkeit in der Auseinandersezzung jeder feinen Empfindung scheint diesem Stande nicht natürlich, sondern dieses Gefühl drückt sich voller aus. Dis war, was ich damals überhaupt sagen wollte und was man so selten in vielen Schäfergedichten sieht.

Müller hatte, wie wir aus dem dichterischen Werke selbst schliessen dürfen, einen weit höhern Zweck. Er richtete sich gegen den unverwüstlichen, deutschen Philister, dessen Ideal Gottsched war, und stellte denselben in der Person des Schulmeisters dar: eine Polemik, wie sie von Lessing auf dem Gebiete der Kritik, von Göthe in poetischen Darstellungen, wie im Pater Brey, den neuesten Offenbarungen Gottes und in den ältesten, erhaltenen Scenen des Faust ausgeübt wurde, wie sie aber ganz besonders in ihrer naturwüchsigen Eigenthümlichkeit in dem vom lustigen Rath Liebetraut verspotteten Dr. Olearius heryvortritt.

Eine der schönsten, zu demselben Kreis gehörenden Idyllen,das Nusskernen, stammt ebenfalls aus dieser Zeit, erhielt aber erst in Italien ihre Vollendung ²).

Mit und an den Pfälzer Idyllen entstanden seine volksmässigen, frischen Lieder und Balladen, welche wegen ihrer Einfachheit und der Wahrheit der Empflindung zu den besten Erzeugnissen jener Periode zählen.

Die meisten der bis 1776 veröffentlichten Dichtungen Müller's haben ihre Geburtsstätte in Zweibrücken; auch der Anfang eines seiner Schauspiele, wahrscheinlich des verlornen Rh in, ist nach einer Andeutung Hahn's ³) hierher zu verlegen.

Est ist begreiflich, dass Müller bei solch eminenter, dichterischer Productivität seine künstlerische Thätigkeit etwas vernachlässigen mochte. Man bemerkte dies und es wurden bald Stimmen laut, welche Zweifel an seine ursprüngliche Befähigung für die bildende Kunst aus- sprachen, darunter auch die eines Mannes von competentem Urtheile, der jedoch Müller seine Ausstellungen nicht persönlich mittheilte. Dies kränkte seinen Künstlerstolz auf das empfind- lichste, denn er war sich bewusst, in der Malerei bedeutende Fortschritte gemacht zu haben. Rasch fasste er den Entschluss,die Gegend, welche die Grazien und Musen nicht gesegnet, zu verlassen. Auch das Verhältnis, welches er damals mit Charlotte Kärner, der jüngern Tochter des Rentkammer- und Oberconsistorialraths Kärner, geknüpft hatte, vermochte nicht, ihn darin wankend zu machen, wiewol ihm hier Gefahr drohte von einer feindseligen Persön- lichkeit, welche durch allerlei Intriguen jenes Verhältnis zu lösen suchte. Müller wollte

¹) Das Original ist in meinem Besitz. ²) Müller an Batt 26. August 1812. ³) Hahn an Müller 23. December 1773.