1 Aber noch eine andere Anregung hatte Müller schon damals erfahren, nämlich die von Klopstock. Wie überhaupt auf die strebende Jugend der Zeit, so wirkte auch auf ihn Klopstock's Vorbild. Johann Friedrich Hahn, welcher seit 1772 in Göttingen studirte, brachte ihn in Beziehungen zum dortigen Dichterbunde. Durch seine Vermittelung erschienen im Musenalmanach Müller's erste Veröffentlichungen, die, ganz in jenem begeisterten, bar- dischen Tone gehalten, von den Freunden als„volle Ausbrüche des ächten Dichtergenies“ betrachtet wurden. Auch Klopstock gefielen Müller's Lieder„ungemein“. Hahn hatte ihm dieselben zugestellt, und er eigenhändig Verbesserungen an dem Wodansadlerlied vorge- nommen ¹) Müller, ganz entzückt und zu Thränen gerührt von dem Gedanken, dass„auch ihn der Unsterbliche nicht verschmäht“ ²), sandte sofort an Hahn einen poetischen Erguss, welcher diesem Moment sein Entstehen verdankt ³). Das ihm gleichzeitig als Bezeugung ihrer freundschaftlichen Gesinnung von den Bundesbrüdern gewidmete Exemplar der Klopstock'schen Oden in der Hamburger Ausgabe veranlasste ihn zu der bekannten Ode: Orpheus-Klopstock ⁴). Doch, wie bewundernd seine Blicke auch auf Klopstock ruhten, auf die Dauer vermochte er ihm nicht zu folgen. Seine innere Entwicklung wies ihn auf eine andere Bahn. Er betrat sie mit der eigenthümlichen Behandlung der Idylle, in welcher er bereits vor Voss grundlegend wurde. Als die Frucht, welche ihm aus der Verbindung mit Klopstock's Freunden erwuchs und von bleibender Bedeutung für ihn war, muss jedenfalls angesehen werden der echt deutsche Sinn, den er nicht nur in seinem Dichten bekundete, sondern auch in seinem Leben zu allen Zeiten bewährte ⁵).
In der Idylle blieb er, wie bemerkt, anfänglich nicht ohne den Einfluss Gessner's. Er ergriff die damals herrschenden Stoffe, die biblischen sowol, als die mythologischen. Unter die ersteren gehören von ihm Adam's erstes Erwachen, der erschlagene Abel; unter die letzteren Faun, Satyr Mopsus, Bacchidon und Milon. Aber es war nur dieser äussere Einfluss, denn schon in ihrer Behandlung tritt der selbständige poetische Geist hervor. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist neben der dichterischen Fülle, der überall treffenden, charakteristischen Gestaltung, die Reinheit der Empfindung, welche in allen Schwingungen erklingt, von dem zartesten, tief- innigen religiösen Gefühl, den weichsten Tönen menschlicher Liebe bis zu den derbsten, sinnlich- trunkenen Aeusserungen eines ungezähmten Naturtriebes.
Doch bald wendete er sich zu dem, was er unmittelbar hatte beobachten können, dem pfälzischen Volksleben. Dieses fasste er in seiner ganzen Naturwahrheit auf und stellte es so dar in seiner Schafschur. Die Idylle ist keineswegs, wie behauptet wird, gegen Gessner
mich immer trotz allen Modelarven, die es umgaben, zum Natürlichen, wie den Magnet zum Norden gezogen und ich habe solchem, so viel ich vermocht, Sprache und Stimme zu leihen gesucht..... Ebenso ist es mir in der Mahlerey ergangen....(Aus dem Original).
¹) Hahn an Müller 23. December 1773. 1
²) Müller an Hahn 2. Januar 1774.
³) Norck a. a. O. S. 7 und 8.
¹) Müller's Werke II., 403 f. 8
5) Vorck's Aufsatz in der Gegenwart von Paul Lindau. Bd. IV. 1873, Nr. 47.


