— 4— weit entfernt, da sie seine reiche Begabung und seinen nach Höherem strebenden Geist wol kannte, nach jener Seite hin bestimmend auf ihn einzuwirken. Er selbst mochte sich auch über den künftig von ihm zu ergreifenden Beruf noch nicht klar geworden sein und so blieb er vorläufig im elterlichen Hause, wo er seiner Mutter im Wirthschaftsbetriebe an die Hand gieng.
Hier trat ihm so recht das pfälzische Volksleben der Zeit entgegen mit seiner derben Natürlichkeit, dem jovialen Wesen, dem stets schlagfertigen, mitunter wol auch ätzenden Witze. Jene ausgeprägten Originale und wirklichen Charaktere, wie er sie tagtäglich in der Wirthschaft um sich sah, deren Eigenart er auf das schärfste beobachtete, gruben sich mit unaustilgbaren Zügen in seine Seele und erregten unmittelbar seinen schöpferischen Trieb. Hinter dem Rücken der Gäste oder, wenn das nicht angieng, auf der Kellertreppe sitzend zeichnete er dieselben in charakteristischen Momenten, carrikirte sie noch häufiger und, wie es ihm die Laune eingab, begleitete er seine Zeichnungen mit erläuternden, witzigen Reimen.
Doch auch ernstere Gegenstände wählte er sich für Stift und Pinsel und, wenn gleich seine poetische Ader nicht ins Stocken gerieth, wie der Neujahrswunsch von 1764 an seinen Pathen Joh. Friedr. Schäfer ¹) beweist, so bildete sich doch mehr und mehr bei ihm eine entschiedene Vorliebe für die Malerei aus. Das häusliche Leben mit seiner ihm eigentlich widerstrebenden Thätigkeit, zu welcher er sich gezwungen sah, reifte in ihm den Entschluss, sich jener Kunst zu widmen. Seine Mutter war anfangs nicht mit dem Plane einverstanden. In ihrer Vortellung verband sich einem im pfälzischen Handwerkerstande tief eingewurzelten Vorurtheile zufolge mit dem Begriffe Künstler zu leicht das fahrende Wesen einer gewissen Classe derselben, welche allem ernsten Schaffen abhold, unbekümmert um die Fristung ihrer Existenz, in den Tag hineinlebt, und deren Vertreter seltsamer Weise heute noch in Kreuznach mit dem Namen„Genie“ bezeichnet werden. Doch befreundete sie sich nach und nach mit dem von ihrem Sohne erwählten Berufe. Von grossem Gewicht bei der endlich von ihrer Seite er- folgenden Entscheidung war das Urtheil eines hochangesehenen Kaufherrn, des Gerhard Heinrich Schmertz, welcher aus Hamm in Westfalen stammend, sich in Kreuznach nieder- gelassen hatte. Ein Mann von einer bei seinem Stande ungewöhnlichen, wissenschaftlichen Bildung, ein Verehrer von Kunst und Literatur, verwendete er sein nicht unbeträchtliches Ver- mögen zu ihrer Förderung und Unterstützung und folgte ihrer Entwicklung mit dem regsten Interesse. Er hatte Beziehungen zu den bedeutendsten Dichtern der Zeit und kannte sie zum Theil persönlich. Innig befreundet war er mit dem Dichter Joh. Nicolaus Götz zu Winterburg, mit welchem er im lebhaftesten persönlichen Verkehre stand. Er liebte es, junge, talentvolle Leute an sich zu ziehen, sie in ihrem Streben aufzumuntern und zu unterstützen. Wie er den Naturdichter Isaak Maus von Badenheim bei Kreuznach mit seinen ersten poetischen Versuchen an seinen Freund Götz empfahl und beide in ihm den dichterischen Funken anfachten, so nahm er sich auch Müller's Sache auf das eifrigste an. Dass er diesen eben- falls mit Götz in Verbindung brachte, lässt sich zwar nicht erweisen, ist aber im höchsten
¹) Gedruckt in den Gedichten von Maler Müller, herausgegeben von Hans Graf Yorck S. 95.


