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Die Robinsoniaden und märchenhaften Reisebeschreibungen, wie sie in jener Zeit im Schwange waren, studirte er mit dem regsten Interesse. Die ältern Romane, unter ihnen die asiatische Banise von Anshelm von Ziegler, welche noch bis tief ins 18. Jahrhundert öfters neu aufgelegt wurden, bildeten seine Lieblingslectüre. Dazu kamen die Volksbücher, von welchen ihn die Pfalzgräfin Genovefa, jene altkeltische ¹) Sage, die unfern Müller's Heimat ihre Geburtsstätte hat, sowie der Dr. Faust auf's lebhafteste anzogen. Mit dem letztern verknüpfte ihn noch ein Lokalinteresse, da derselbe 1507 auf Franzens von Sickingen Empfehlung in Kreuznach die Rectoratsstelle am Gymnasium erhalten, in der Saugasse einer alten Tradition zufolge gewohnt haben, von dort aber wieder flüchtig geworden sein sollte, weil er neben seiner Kunst sich allerlei Lastern hingab, welche sein Verbleiben am Orte unmöglich machten.
Die Lectüre dieser Schriften, vornehmlich der erstgenannten, regten Müller frühe zu eigner, schöpferischer Thätigkeit an. Jene Reisebeschreibungen, welche seiner Phantasie den weitesten Spielraum gestatteten, wollte er Allen zugänglich machen. In einem Schreibbuche, welches ich besitze, findet sich dazu der Anfang mit dem Titel:„Kurtze Beschreibung oder ausführlicher Bericht etlicher Landschaften, Völkern und Städten zusammengetrachen aus berühmter Männer Reiss-Beschreibungen zu dem besten und nutzen des gemeinen Manns auf das rethlichste beschriben von Johann Friderich Müller anno 1763.“ Doch scheint er diesen in bester Absicht gefassten, knabenhaften Plan bald wieder aufgegeben zu haben, da er bei der Ausführung desselben die Schwierigkeiten erkennen und zugleich die gewünschte innere Befriedigung nicht dabei finden mochte.
Weit fruchtbarer wirkte die Lectüre der Banise auf seine dichterische Anlage. Jener Roman gestaltete sich ihm dramatisch. Es ist wol der erste poetische Versuch, den er machte. Aus der Reinschrift der ersten Scene, der Titel und die handelnden Personen vorausgehen, lässt sich schliessen, dass er bereits damals das Ganze vollendet hatte. Die Arbeit, welche sich der zuvor genannten„Beschreibung“ anschliesst, ist in Alexandrinern abgefasst und betitelt:„Die asiatische Banise in einer opera vorgestellet.“ Bei diesen Ver- suchen ist bemerkenswerth, dass sich mit denselben zugleich schon ein Interesse für die bildende Kunst verbindet; denn neben und hinter ihnen finden sich Federzeichnungen, denen ein gewisser Schwung nicht abgesprochen werden kann. Sie zeigen Schiffe und Meer'hiere in den verschiedensten- Stellungen, ausserdem den angefangenen Entwurf einer Scene, welche sich wol auf die erwähnte opera bezieht.
Das Jahr 1763 bildete in Müller's Leben einen Wendepunkt. Nachdem er durch den lutherischen Inspector Valentin Speyer eingesegnet worden, musste er das Gymnasium mit dem Jahresschlusse verlassen. Es war sein lebhafter Wunsch gewesen, dasselbe absolviren und sich dann einem Fachstudium widmen zu dürfen. Allein das gestatteten die Vermögensumstände seiner Mutter nicht. Hätte sie nun gleich gerne gesehen, wenn er als der Aelteste das Geschäft des Vaters erlernt und ihr so bald eine Stütze hätte werden können, so war war sie doch
¹) Leo, Ferienschriften Heft I. S. 103. 1*


