Aufsatz 
Zur Lebensgeschichte des Dichters und Malers Friedrich Müller / Oertel
Entstehung
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eingesessenen, angesehenen Bürgersfamilie an, in welcher sich das Geschäft nachweislich bereits in drei Generationen fortgeerbt hatte. Seine Mutter, Catharina Margaretha, geborene Roos, war eine sehr verständige und fromme Frau, welcher die Erziehung ihrer Kinder fast ausschliesslich zufiel, da der Vater seiner Geschäfte wegen sich nur wenig darum kümmern konnte.

Eine frische, urwüchsige Kraft regte sich zeitig in dem aufgeweckten, muntern Knaben. Unter seinen Altersgenossen war er gewöhnlich der Anführer, wenn es galt, einen jener Streiche ins Werk zu setzen, zu denen die echte Knabennatur sich allezeit bereit finden lässt. Das Erb- theil der Kreuznacher überhaupt, die Lust an harmlosen Scherzen und Neckereien, war auf ihn in reichem Masse gefallen und diese Natur verleugnete sich auch nicht bei ihm in späteren Tagen. Die Schule mit ihrem eisernen Regimente war für seinen leicht erregbaren Sinn kein angenehmer Aufenthaltsort. Auf alle erdenkliche Weise suchte er von ihr loszukommen. Stunden- lang fischte er dann auf der Zwingelbrücke stehend im Ellerbache, oder trieb sich in den reizenden Umgebungen seiner Vaterstadt umher. Einer seiner Lieblingsplätze war die schattige Lohr, welche der von Weiden und Erlen umsäumte Ellerbach durchfliesst und in ihr eine etwa zehn Minuten vom Anfang derselben entfernte Stelle, wo ein längst verschütteter Stollen in den Berg getrieben ist, der von einem alten Bau auf Kupfer und Silber herrührt, und welcher seinen Ausgang bei dem sogenannten Schiessgraben haben soll, in den Porphyrfelsen an der Nahe. Die malerische Umgebung, der rauschende Bach, die geheimnisvolle Höhle, und in deren Nähe eine wundersame Quelle, die Lohr- oder auch Lauraquelle, welche des Tags fast unmerklich aus dem Boden dringt, sich aber der Sage nach beim Mondlicht reichlich ergiessen soll, übten auf die Phantasie des Knaben einen ungeheuren Zauber aus, der sich auch in späterer Zeit noch wirk- sam erwies. Hier zu liegen, sich seinen Empfindungen und Gedanken zu überlassen, war seine höchste Lust und jede Gelegenheit dazu ergriff er mit lebhafter Begierde. Ja, stellte sich ein Hindernis in den Weg, so half ihm sein erfinderischer Geist bald aus der Noth. Er trieb die Kühe seiner Eltern auf die Wiesen und Aecker, welche diese an dem Agnesienberg bei der Lohr besassen und indem er damit sich in den Augen derselben ein Verdienst erwarb, befriedigte er zugleich seine eigene, innerste Neigung ¹).

Doch dieses freie, idyllische Leben erreichte bald sein Ende. Mit dem zehnten Jahre wurde Müller auf das reformirte Gymnasium geschickt, an welchem damals J. Melch. Brünings Rector war und Joh. Seb. Lohrbacher als Conrector fungirte; ersterem folgte jedoch schon 1760 Ph. H. Paniel.

Er gab sich hier eifrig den Studien hin, die seinem aufgeweckten Geiste mehr entsprechen mochten und der plötzliche Tod seines Vaters, welcher zu Anfang September 1760 eintrat, erhöhte nur seinen Fleiss, da er die Lage, in welche die Mutter durch den herben Verlust ihres Mannes gekommen war, schon zu würdigen verstand und jener, welche er auf das innigste liebte, die auf ihr ruhende Bürde nicht noch schwerer und sorgenvoller machen wollte.

Die freien Stunden, welche ihm übrig blieben, bénutzte er zum Zeichnen und Lesen.

¹) Nach einem ungedruckten Briefe von Joh. Heinr. Kaufmann, Müllers Vetter, an diesen vom 15. Jan. 1815 und mündlichen Ueberlieferungen.