Aufsatz 
Der Mythus der Götterdämmerung, seine ethische und pädagogische Bedeutung
Entstehung
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Begegnen des scheuen Wildes, dass wir andachtsvoll und atemlos, entzückt und verwundert lauschen. Es ist uns, als würde uns eine göttliche Offenbarung von dem innersten Wesen und Walten der Natur. Wo ist ein von Gott begnadeter Geist, dem es vergönnt war, so in das Heiligtum der Natur einzudringen? Kein Dichter, kein Maler hat dies so verstanden, als Richard Wagner. Ist es uns doch, als läge er mit lauschendem Ohre am Herzschlag der Natur, als dringe sein Geist in die Eingeweide der Erde, sein Auge ins Allerheiligste des Himmels!

Mit welch selig-süssem Schauer berührt uns des Helden Sehnsucht nach seiner unbekannten Mutter, nach dem Ideal eines Weibes, von dem er nur ahnen und träumen kann. Wie reizend- naiy berührt Siegfrieds Einfall, auf einem Schilfrohr die Stimme der Vögel nachzuahmen! Und als ihm dies nicht gelingt, nimmt er sein Horn und schmettert ein lustiges Lied. Da singt ihm ein Waldvöglein ein liebliches Lied von einem minniglichen Weibe, das, in tiefen Schlummer gebannt, seiner harre, des berufenen Erlösers. Er folgt der lockenden, wegweisenden Stimme, dringt durch Dickicht und Dorn, bebt nicht vor der plötzlich vor ihm aufzüngelnden Waberlohe zurück und befindet sich vor einem schlafenden Weibe! Da befällt ihn zum ersten Male Zittern und Zagen, er, der mutige Recke, der vor keinem Untier zu- rückgeschreckt, der noch vor Kurzem den Drachen erlegt, ihn er- greift ein unbegreifliches Bangen, vor einer schlummernden Maid!

O0 wunderbar schöne, tief ergreifende Stelle! Doch die Allgewalt der Liebe besiegt die Schüchternheit, die jedem un- verdorbenen, echtdeutschen Jünglingsherzen in der Nähe einer von keuscher Sitte umhegten Jungfrau eigen ist, es zieht ihn hin, wo auf halbgeöffneten Lippen ein Hauch ihrer Seele zu

schweben scheint, diesen Hauch will er durstig erhaschen. Da schlägt die schlummernde Erdenbraut die Wimpern auf und schaut dem Erretter beglückt in seine leuchtenden Sonnenaugen, Noch einmal bäumt sich der Adel der Göttlichkeit in ihr auf, den sie opfern muss, des Geliebten Weib zu werden, doch selig lächelnd giebt sie Götterglück und Unsterblichkeit dahin für die vergängliche Liebe sterblicher Erdensöhne. Ihren Bund befestigt wiederum jener verhängnisvolle Ring des Nibelungen, den Siegfried, aus Fafnirs Hort gewonnen, der liebeseligen Braut