auf Wolken reitet. Doch der Zweck meiner Ausführungen ist durchaus nicht, mich auf gelehrte Streitfragen einzulassen, in denen ich mit Resultaten eigener Forschung Licht zu verbreiten nicht imstande bin; nur auf einigermassen feststehendem, ge- meingermanischen Grund und Boden möchte ich mich mit meinen Lesern bewegen können.
Kehren wir also zu unserer populären Schilderung der Götterheime zurück. In olympischer Majestät thront Odin (Wodan) auf seinem Hochsitz in glänzender Waffenrüstung und kiest sich alle Tage die vom Schwerte erschlagenen Männer; zu seinen Füssen ruhen zwei mächtige Wolfshunde, und auf seinen Schultern sitzen seine zwei getreuen Raben, Hugin und Munin,„Gedanke“ und„Erinnerung“ versinnlichend, die ihm alles ins Ohr raunen, was sich auf der Welt ereignet. Ringsum auf den mit schimmernden Brünnen belegten Bänken sitzen die von den Schlachtenjungfrauen, den Walküren, gebrachten Helden. Sie tragen sie von der Walstatt über die Regenbogenbrücke Bifröst, welche Midgard mit Asgard verbindet, nach Walhall. Ausser Walhall erhebt sich in Gladsheim noch Wingolf, die Halle der Göttinnen, ein Götterheim, das manche auch mit Folkwang, dem Volksgefilde, für gleichbedeutend halten, wo sich Freyja täglich die Hälfte der gefallenen Helden kiest. Dorthin wie nach Walball werden die Einherier geführt, um bei Gelagen und Kampfspiel ein Leben voller Freuden und Wonnen fort- zusetzen. Dort schmausen und zechen sie mit den himmlischen Asen in brüderlicher Eintracht. Ein mächtiger Eber Sährimnir, der täglich in einem Kessel gesotten wird, sich aber jeden Abend aufs neue ersetzt, wird aufgetischt, und in mächtigen Trinkhörnern wird ihnen von den weissarmigen Wunschmädchen das schäumende Ael kredenzt. Odin geniesst jedoch nur Wein; seine Fleischration lässt er den zu seinen Füssen lagernden Wolfshunden zukommen. Etwas rätselhaft erscheint hier auch die von uns bereits erwähnte Ziege Heidrun, die auf Walhalls Dache stehend und die Triebe der Weltesche benagend, aus ihren Zitzen Milch rinnen lässt, aber dabei doch die Krüge mit nie versiegendem„Met“ füllen soll. Das Wunder dieser Ver- wandlung bleibt unaufgeklärt und geht noch über das auf der Hochzeit zu Kana.


