— 12—
Die Bezeichnung„Yggdrasil“— wofür übrigens auch nach dem Mimirsborne am Fusse der Weltesche der Name„Mima- meide“ und die etymologisch dunkle Benennung„Lärad“ vor- kommen— bedeutet„Ross des Fürchterlichen“, d. i. Odins, und soll nach der Vorstellung, sich einen Gehenkten als Reiter und den Galgen als sein Pferd zu denken, soviel sagen wie„Odins Galgen“. In demselben Sinne finde sich in einem englischen Gedichte des 14. Jahrhunderts, das sicherlich aus älteren Uber- lieferungen geschöpft, für„Kreuz Christi“ die Bezeichnung „Christi Pferd“, und daraus erweist Bugge(„Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen“) nach Golthers Überzeugung„Zug für Zug die vollkommene Überein- stimmung zwischen den mit Yggdrasil und den im Mittelalter verknüpften Vorstellungen. Das Verhältnis kann nur so gedacht werden, dass Yggdrasil unter der Einwirkung der Kreuzessagen entstand, nicht etwa so, dass in letzteren heidnische Erinnerungen nachwirken; denn die Vorstellungen vom Kreuze haften bereits in solchen altchristlichen Schriften, worin germanische Einwirkung mit Rücksicht auf Zeit und Ort durchaus unmöglich ist. Das Kreuz wurde in den bekannten christlichen Hymnen als ein Baum besungen, der seine Lebenskraft aus einer Quelle an seiner Wurzel sog, als ein Baum mit Laub und Früchten.“ Golther zieht hier noch ein mittelhochdeutsches Rätsel heran, dessen Lösung der Kreuzesbaum sei, bei dem noch eine Verschmelzung mit dem paradiesischen Baum des Lebens und dem der Erkenntnis, als dem besten aller Bäume, mitwirke. Der Drache Niddhogg, der an der bis zur Hölle reichenden Wurzel Yggdrasils nage, erinnere einerseits an die Schlange des Erkenntnisbaumes, anderer- seits an die schlangenerfüllte Hölle, den sogen. Wurmsaal, wie in angelsächsischen Gedichten die Hölle benannt sei. Erstere Parallele will mir garnicht einleuchten, denn von der Paradies- schlange wird doch nirgends gesagt, dass sie die Wurzel des Erkenntnisbaumes benage. Auch der Vergleich des Hauptes Mimirs, des Quellgeistes, dessen nordischen Ursprung Golther anerkennt und das am Fusse der Weltesche ruht, mit dem Schädel Adams, über dem der Kreuzesbaum stehe, scheint mir doch mehr ein äusserlicher und zufälliger, als tiefbegründeter,


