Aufsatz 
Der Mythus der Götterdämmerung, seine ethische und pädagogische Bedeutung
Entstehung
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dass an ästhetischer Schönheit, an sittlichem Ernst und an pädagogischer Bedeutung die nordisch-germanischen Götter- und Heldensagen den griechischen Mythen durchaus nicht nachstehen. Des zum Beleg wollen wir für diesmal nur ein Beispiel be- handeln, den Mythus von der Götterdämmerung, der, wenn- gleich wesentlich durch nordischen Boden und nordische elemen- tare Erscheinungen entwickelt, vielleicht auch in seiner eddischen Gestaltung nicht frei von aussergermanischen Einflüssen, doch in seinem Kern und seiner Grundidee gemeingermanisches Eigentum und gar in seiner künstlerischen Verwertung und Vertiefung Besitztum unserer jetzigen Kultur geworden ist. Als Quelle dienen uns mehrere Lieder der Edda, vor allem die Völuspâ, d. h. Ausspruch der Seherin; doch mögen uns auch noch einige andere der älteren und jüngeren Edda zur Zu- sammenstellung des Gemäldes dienen, das wir in folgendem entwerfen wollen: so Wafthrudnismâal, das Lied vom weisen Riesen Wafthrudnir, ferner Grimnismaâl, das Lied vom Grimnir, (Beiname des verlarvten Odin), dann Lokasenna, der Wortstreit Loki's, das Hyndlalied und endlich die ausführliche Schilderung der nordischen Götterwelt in Gylfaginning, d. i. Verblendung des schwedischen Königs Gylphi, ein Erzeugnis der jüngeren Edda.

In der ganzen griechischen Mythologie suchen wir ver- gebens ein so grossartiges dramatisches Ganze mit einer von Anfang an vorbereiteten und notwendigen Katastrophe, eine so erschütternde Tragödie mit einer tiefen, hochsittlichen Idee, mit der höchsten Idee überhaupt, dass die Schuld ihre Sühne verlangt, dass der Verderbnis und Verschlechterung der Götter- welt unvermeidlich der Untergang folgen und dem sehnsüchtig hoffenden Menschenherz eine reinere und schönere Welt erstehen muss. Und eben in diesem ethischen Gehalt liegt auch die hohe pädagogische Bedeutung.

Die hellenische Mythologie hebt sich ab wie ein heiter- sinnliches Gebilde in leuchtenden Farben,ein Tempel aus weissem Marmor mit Gold und Purpur verziert, aus Myrthen- und Lorbeergebüschen unter der ewig lachenden Bläue des jonischen Himmels, umsäumt von dem wechselnden Lichterspiel der Wogen. Frivol scherzen und sündigen ihre Götter bei Nektar