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Brudervolke im hohen Norden pilgern müssen, uns die Bruch- stücke unserer deutschen Mythologie mit den Sagenschätzen Skandinaviens, über deren Erhaltung ein glücklicher Stern ge- waltet hat, zu ergänzen. Doch dem Forscherfleisse ernster Ge- lehrten, der Berechtigung einleuchtender Mythenvergleichung und Kombinationsgabe ist es gelungen, uns aus den verschüt- teten Trümmern unseres Heidenglaubens das grossartige Schau- spiel unserer germanischen Götterwelt neu zu erschaffen.
Als Hauptquelle nordischer Mythologie dienen uns be- kanntlich die beiden Edden, vor allem die sogenannte ältere Edda, eine Sammlung von teilweise schon im 10. Jahrhundert gedichteten Götterliedern, die der Bischof Brynjulfr 1643 in Island fand und einem dortigen Gelehrten, Sämund dem Weisen († 1133), zuschrieb; er glaubte in dieser Handschrift des 13. Jahrhunderts die Quelle der um 1230 von Snorri Sturluson(† 1241) verfassten Edda gefunden zu haben, die man gemeiniglich die „jüngere“ nennt. Die ältere oder Sämundar-Edda enthält 30 Lieder, die zwar in Island aufgezeichnet sind, aber grösstenteils aus Norwegen, zum Teil aber auch aus Grönland und Island selbst stammen. Übersetzungen gibt es jetzt viele. Wir nennen nur die von Simrock, Hans v. Wolzogen, Wilh. Jordan und neuer- dings die vortreffliche von H. Gering(Leipzig 1893).
Doch bei Benutzung und Heranziehung dieser Quellen für den Aufbau unserer deutschen Mythologie ist die höchste Vorsicht ge- boten. Einmal ist dem Einfluss nordischen Klimas, nordischer Boden- beschaffenheit und nordischer Umgebung gebührend Rechnung zu tragen. Dann darf man nicht die freispielende Dichterphantasie mit dem Volksglauben ohne Weiteres identifizieren. Endlich sind sowohl antike, nämlich griechisch-römische Sagenein- wirkungen, wie auch christlich-jüdische Beeinflussungen von be- deutenden Gelehrten und Forschern angenommen worden, worüber wir uns später noch weiter auslassen werden. Nicht minder sind christliche und orientalische Elemente aus unseren Volks- märchen auszuscheiden, die man zu Rückschlüssen auf früher vorhandene Göttervorstellungen in oft allzu künstlicher und phantastischer Deutelei hat ausnützen wollen. Doch haben uns, wenn sie sich auch in manchem vergriffen und verthaten, red-


