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einen jeden Gebildeten die eingehendere Beschäftigung mit unserer germanischen Mythologie zum unabweislichen Erfordernis ge- macht. Aber auch viele unserer besten Dichter haben aus dem noch in der Volkstradition frischsprudelnden Sagenborn ihre schönsten Balladen und Romanzen geschöpft und einige aus deutscher Götter- und Heldensage wirksame Stoffe zu gross- artigen Epen und Dramen genommen. Von ersteren nenne ich z. B. Goethe in seinen Gedichten:„Erlkönig“,„Der getreue Eckart“,„Hochzeitslied“,„Fischer“ u. a., Bürger:„Der wilde Jäger“, ferner Kopisch in seinen reizenden poetischen Märchen: „Die Heinzelmännchen“ und„Des kleinen Volkes Uberfahrt“, Uhland:„Siegfrieds Schwert“, Chamisso:„Des Riesen Spiel- zeug“, dann Felix Dahn:„Elfenabschied“,„Walküre“ und „Sigyn“ u. n. a. Von Verfassern grösserer Dichtwerke erwähne ich besonders Wilh. Jordans„Nibelunge“, Hebbels, Dahns und Geibels Nibelungendramen. Über die reiche Befruchtung, die aus der erschlossenen germanischen Sagenwelt auf unsere moderne Kunst ausging, hat Paul Herrmanowski im zweiten Teile seines anregenden Werkes:„Die deutsche Götterlehre und ihre Verwertung in Kunst und Dichtung“(Berlin 1891) eine freilich nicht erschöpfende und wenigstens durch die bedeutsamen plastischen Schöpfungen der Neuzeit zu ergänzende Zusammen- stellung herausgegeben. Als epochemachend erwähne ich hier nur Engelhards Eddafries und Professor Döplers prächtige Göttergestalten. Der Thatsache gegenüber, dass unsere Dichter und Künstler so lange zumeist nur aus der Mythologie und den plastischen Vorbildern der klassischen Antike schöpften, unsere einheimischen Überlieferungen aber vernachlässigten, komme man jetzt nicht mehr mit dem Einwande, dass uns die griechischen Götterideale und Mythen menschlich mehr anheimelten, als die nordischkalten, noch fremderen und entlegeneren Phantasie- gestalten und grotesken Natursagen unserer Ahnen. Wir wollen heute nicht allein Gewicht darauf legen, dass vom nationalen Standpunkte aus, selbst wenn uns die antiken Götter und Heroen- sympathischer sein sollten, doch aus Vaterlandsliebe die ein- heimischen Uberlieferungen wert sein müssten, wir wollen auch nicht angesichts so mancher genialer Schöpfungen in Kunst.


