Aufsatz 
Ueber den Entwicklungsgang der französischen Poesie bis zum achtzehnten Jahrhundert / von L. Noiré
Entstehung
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Stelle aus Voltaire's Brutus an, welche von den bedeutendſten franzöſiſchen Kritikern als eine meiſter⸗ hafte geprieſen wird. Es iſt der furchtbare Augenblick, in welchem Brutus das Todesurtheil über ſeinen Sohn geſprochen hat und von ihm Abſchied nimmt:

O Rome! o mon pays! Proculus, à la mort que l'on moèͤne mon fils. Leève-toi, triste objet d'horreur et de tendresse Ldve-toi, cher appui qu'espérait ma vieillesse; Viens embrasser ton pore, il t'a condamner; Mais s'l n'tait Brutus, il t'allait pardonner. Mes pleurs, en te parlant, inondent ton visage: Va, porte à ton supplice un plus maàle courage; Va, ne t'attendris point, sois plus Romain que moi, Et gque Rome t'admire en se vengeant de toi!

Und es iſt nicht zu läugnen, daß wenn die rhetoriſche Kunſt und die Macht der Antitheſe im Stande wären, den tiefen Grund der Seele zu erſchüttern, dieſe Verſe eine bedeutende Wirkung nicht verfehlen könnten. Vergleichen wir damit die Stelle eines engliſchen Dichters Nathanael Lee, eines Zeitgenoſſen Dryden', in welcher er denſelben Gegenſtand behandelt:

O Titus! Laß mich dich noch einmal an mein Herz drücken, laß mich in deine Seele ein ewi⸗

ges Lebewohl flüſtern; ſtatt Thränen Blut weinen, mein Herzblut über mein Kind; denn du

mußt ſterben, mein theuerer Titus, mein Sohn, du mußt ſterben!

Kann alle Beredſamkeit der Welt dieſem erſchütternden Aufſchrei des gequälten Vaterherzens gleichkommen? Dies iſt eine Shakſpere's würdige Poeſie und die Vergleichung beider Stellen wird im kleinen Bilde den großen Gegenſatz des wahrhaft Tragiſchen und der franzöſiſchen Manier, der aus der Tiefe des Herzens hervorſtrömenden Wahrheit und der auf Effekt und augenblickliche Rührung oder Erſchütterung abzielenden Rhetorik erläutern.

Reaction gegen die conventionelle Poeſie. Die aus der Geſellſchaft hervorgehende Dichtung hatte im achtzehnten Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht. Das Drama, die lyriſche Poeſie hatten ganz den freien Ausblick in Natur und Welt und den Einblick in die Regungen des Menſchenherzens ver⸗ loren. Die Zwittergattung der didaktiſchen Poeſie war vorherrſchend und die eleganten, abgezirkelten Verſe dienten oft nur dazu, wiſſenſchaftliche Wahrheiten oder Theorieen in ein anmuthiges Gewand zu hüllen. Die eigentliche Geſellſchaftspoeſie war die der epikuräiſchen Anakreontiker; die ſinnlichen Freu⸗ den und der raſche Genuß des Lebens waren ihre Muſen. Die Hoheit und Würde des Menſchen fand keinen Vertheidiger; ein flacher Rationalismus erklärte und analyſirte Alles; damit brach die Herrſchaft der Selbſtſucht ein und dieſe wurde von den Philoſophen des Zeitalters geradezu als das Ziel und das Motiv alles Thuns bezeichnet. Vom Hofe und den höchſten Kreiſen ausgehend verbreitete ſich eine furchtbare Entſittlichung, welche alle Zügel der Würde und des äußeren Anſtandes zerreißend, den Bo⸗ den der Geſellſchaft unterhöhlte und den inneren und politiſchen Verfall Frankreichs vorzubereiten drohte. Paris und ſeine Zirkel gaben den Ton an; ſie allein exiſtirten für Dichter und Schriftſteller; das übrige gedrückte und leidende Volk war ſo gut wie nicht vorhanden, ſoviel man auch von Humanität, Philanthropie und Freiheit philoſophirte. Damit verloren die dichteriſchen Produktionen immer mehr an In⸗ nerlichkeit und Eigenthümlichkeit, und die äußere Glätte einer ſtereotypen Kunſtform war die einzige Anforderung, die an ſie geſtellt wurde. Doch erwuchſen aus dem Zeitalter ſelbſt die Heilmittel gegen