Aufsatz 
Ueber den Entwicklungsgang der französischen Poesie bis zum achtzehnten Jahrhundert / von L. Noiré
Entstehung
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dieſe überhandnehmenden Uebel; eine Reaktion bereitete ſich vor, welche ſich an einige Namen anknüpfend, bald der herrſchenden Zeitſtrömung entgegen arbeitete und innerhalb der furchtbar zerſetzenden und deſtruktiven Thätigkeit des achtzehnten Jahrhunderts den poſitiven Inhalt und den feſten Boden zu neuer Geſtaltung rettete. Der bedeutendſte dieſer Namen iſt Jean Jacques Rouſſeau; er hat den Ruhm, in einer allen ſpiritualiſtiſchen Ideen und abſolut moraliſchen Wahrheiten durchaus entfremdeten Zeit deren Bild in ſeinem Innern gehegt und mit der Beredſamkeit der ernſten Ueberzeugung laut verkündet zu haben. Sein in der herrlichen Schweizerlandſchaft erwachſener Naturſinn war ein großes, belebendes Element; da hörten zum erſtenmale die erſtaunten Franzoſen, welche nicht begreifen konnten, warum dieſer Sonderling die Einſamkeit von Montmorency der Pariſer Geſellſchaft vorziehen konnte, daß außer den engen und zierlichen Formen dieſer Geſelligkeit noch eine große, wunderbare Welt ſei, welche mit tauſend Stimmen zu dem empfänglichen Herzen rede. Rückkehr zur Natur war die Loſung, welche er bald mit der Begeiſterung eines Propheten, bald mit der feurigen Beredſamkeit des Dichters, bald auch mit der Seltſamkeit eines excentriſchen Schwärmers predigte. Dadurch erſchloß er der Dichtkunſt wieder die verſandeten und verſchütteten Quellen und die ſchwungvolle, tief zum Herzen redende Sprache wehte wie ein erfriſchender Hauch über die vertrocknete Haide.

Der Ruf Rouſſeau's fand ein getreues Echo in der Bruſt Bernardin de St. Pierre's und dieſer beſchenkte die franzöſiſche Literatur mit einem Naturgemälde der tropiſchen Zone, welches wie ein Blitz⸗ ſtrahl zündete und neben dem Tadel der Kritiker die ungetheilte Bewunderung der Nation erweckte. Paul und Virginia ſagt Humboldt, ein Werk, wie es kaum eine andere Literatur aufzuweiſen hat, iſt das einfache Naturbild einer Inſel mitten im Meere, wo, bald von der Milde des Himmels beſchirmt, bald von dem mächtigen Kampfe der Elemente bedroht, zwei anmuthvolle Geſtalten in der wilden Pflanzenfülle des Waldes ſich maleriſch wie von einem blüthenreichen Teppich abheben. Mit dieſem Werke hatte die franzöſiſche Poeſie entſchieden den conventionellen Charakter abgeworfen, und gerade daß ein einfaches, ſchlichtes Leben den ganzen inneren Reichthum der Menſchenſeele in einem bezaubern⸗ den Bilde verklärte, war ein glücklicher Wurf und ſehr einflußreich auf die folgende Zeit. Der theatraliſche Prunk heroiſcher Namen und der mythologiſche Apparat verblaßte vor dieſer ſchlichten, rührenden Erzählung.

Ein dritter Name, welcher die Wendung zum Natürlichen und Wahren bezeichnet, iſt André Chénier, der Sohn einer Griechin. Seine Schickſale ſind mit der furchtbaren Kataſtrophe verknüpft, welche am Schluſſe des achtzehnten Jahrhunderts Frankreich und Europa erſchütterte und umgeſtaltete. In die großen und ewigen Dichtungen der Griechen durch ſeine Mutter eingeweiht, ihre Schönheiten mit empfänglichem, verwandtem Gemüthe aufnehmend, ahmte er dieſelben in den reizenden Thälern des ſüdlichen Frankreichs nach, wo er ſeine Jugend verlebte. In ihm lebte zuerſt ein tiefes, inniges Verſtändniß des Alterthums auf und ſeine Idyllen, ſeine jeune captive, von ächt griechiſchem Geiſte durchweht, gehören zu den herrlichſten Erzeugniſſen der franzöſiſchen Muſe. Er fiel in der Blüthe ſeiner Jugend als ein Opfer des Schreckensſyſtems, welchem ſein unerſchrockener, feſter Geiſt ſich nicht beugen wollte; Frankreich verlor in ihm ſeinen begabteſten Lyriker. Seine Schriften, meiſt Skizzen, unvollendete Entwürfe, die zeigen, welche große und herrliche Schöpfungen in ſeinem Geiſte ſich vorberei⸗ teten, wurden erſt 1819 bekannt und wurden damals das Panier, unter welchem ſich die Erneuerer der franzöſiſchen Dichtung ſchaarten.