jene didaktiſche Poeſie, welche in dieſem Zeitalter aufkam, als deren Hauptrepräſentanten St. Lambert und Delille zu nennen ſind, ſich zwar mit Vorliebe den Naturſchilderungen zuwandte, darin aber nur das kalte, nüchterne Weſen geiſtreicher Paraphraſen, äußeren Redeſchmucks, alſo das Gepränge geſell⸗ ſchaftlicher Zierrathen, nirgends aber den reinen, friſchen Hauch wahrer Naturdichtung offenbarte. Daß ein ſolches Zeitalter, welches der Natur ſo ferne ſtand, auch keinen Sinn für die großen Dichter haben konnte, iſt einleuchtend und zeigt ſich in jenem lächerlichen Streite, welchen La Motte und Fontenelle gegen die Dacier erhoben in Betreff der Schönheiten und des Werthes der Werke des Alterthums. La Motte war ein kalter, engherziger, durchaus unpoetiſcher Menſch, aber ein Tonangeber des Geſchmacks; für ihn war ein gewiſſer Grad von Anmuth und Witz das Weſen des Dichteriſchen und er gab eine nüchterne, proſaiſche Paraphraſe von den Gedichten Homer’s, indem er behauptete, dieſelben ſeien ein Inbegriff von Rohheit und Unſittlichkeit und die Zeitgenoſſen glaubten ihm. Comme ils manquaient d'imagination, ſagt ein franzöſiſcher Literarhiſtoriker ¹), on peut croire qu'ils nièrent de bonne foi les beautés naturelles dont ils ne pouvaient sentir le charme. Auch Voltaire konnte den Ruhm Homer’s nicht begreifen und hatte die Verblendung, ſeinen Oedipe über die Tragödie des Sophokles zu ſtellen, während er dieſen und die griechiſchen Dichter überhaupt nur aus ſeelenloſen Paraphraſen kannte. Er betrat in der Tragödie die von Corneille und Racine eröffnete Bahn; wenn er auch durch die Behand⸗ lung von chriſtlich⸗romantiſchen Stoffen das Repertorium erweiterte, ſo iſt doch die Einſeitigkeit der Behandlung, das Unwahre der Charaktere und die Declamation ebenſo vorherrſchend, ja letztere noch in höherem Grade; denn er ſetzte an die Stelle des Effektvollen das Tendenziöſe. Seine dramatiſchen Perſonen waren ihm gleichſam die Herolde, welche ſeine reformiſtiſchen Ideen der großen Menge ver⸗ kündigen ſollten. Merkwürdig iſt jedenfalls, daß Voltaire den größten Dichter der modernen Welt, Shakſpere, kannte, von manchen ſeiner Vorzüge ergriffen war und dieſelben ſeinen Landsleuten empfahl. Bei dem polaren Gegenſatze, welcher zwiſchen der franzöſiſchen Geſellſchaftsdichtung und den großartigen, lebensvollen Geſtalten des britiſchen Dichterheros obwaltet und bei der Leichtfertigkeit, mit welcher Voltaire in ſeinen ſpäteren Jahren über denſelben aburtheilte, als er darüber gereizt war, daß man deſſen Dramen über die ſeinigen ſtellte, läßt ſich nicht annehmen, daß er die wahre Größe und Kraft jenes Unerreichbaren auch nur annähernd begriffen habe; er ward nur durch das Einzelne, den Reichthum und die Gewalt der Scenen und Situationen, die Fülle der Gedanken und Bilder, welche Shakſpere mit verſchwenderiſcher Hand über alle ſeine Dichtungen ausgeſtreut, ergriffen. Indem er dieſe in die redneriſchen Tiraden und äußerliche Regelmäßigkeit des franzöſiſchen Drama's gleichſam einfaßte, wähnte er die rohen Cdelſteine erſt geſchliffen und ihnen die richtige Stelle angewieſen zu haben. Wie ſchwach und matt ſeine Nachahmungen Shakſpere's ſind, wie blaß die Couliſſenbeleuchtung ſeiner Stücke gegenüber der Tageshelle und den reichen Farben der Natur und Wahrheit, die in jenen Dramen vor⸗ walten, hat Leſſing an einzelnen Stellen mit ſiegreicher Evidenz nachgewieſen und dadurch das Joch des franzöſiſchen Syſtems für immer erſchüttert und niedergeworfen. Freiheit, Naturwahrheit und Leben trat von nun an an die Stelle der abſtrakten Regel, des pedantiſchen Schulzwangs und der conventio⸗ nellen Schicklichkeit, unter welcher das engliſche Drama ſo gut wie das deutſche erſtarrt war. Doch war bei den Engländern die Einwirkung ihres großen Nationaldichters niemals ganz erloſchen. Ich führe hier zur Vergleichung des effektvoll Rhetoriſchen mit der einfach wahren Stimme der Natur eine
1) Gérusez, histoire de la littérature francaise II., 350.


