Aufsatz 
Ueber den Entwicklungsgang der französischen Poesie bis zum achtzehnten Jahrhundert / von L. Noiré
Entstehung
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eine unmittelbare Freiheit gegen die feierliche Würde zu verſtoßen; denn er wußte, an welcher furcht⸗ baren Klippe er ſcheitern könne und daß bei einem Volke, in welchem der Dämon des Lachens ſo leicht erregbar, der SpruchDu sublime au ridicule il n'y a qu'un pas dem tragiſchen Dichter als eine fortwährende Warnung vorſchweben müſſe ¹). Daher die Armuth der Erfindung, die ewige Wiederkehr typiſcher Perſonen und Redewendungen; daher die Eintönigkeit des Dialogs ²), welche noch vermehrt wird durch den ſteifen und froſtigen Alexandriner, deſſen Natur, wie Göthe richtig bemerkt, auch den inneren Geiſt jener Stücke beſtimmt hat. Die Eigenſchaft dieſes Verſes, ſich in zwei gleiche Hälften zu theilen und die Natur des Reims, aus zwei Alexandrinern ein Couplet zu machen, ſtellt Alles, Charaktere, Geſinnungen der Perſonen, wie die Bewegungen des Gemüths und die Gedanken unter die Regel des Gegenſatzes. Der Verſtand wird ununterbrochen aufgefordert und jedes Gefühl, jeder Gedanke in die Form der Antitheſe gezwängt. Läßt nun auch dieſe Figur, ſparſam angewandt, an manchen Stellen eine bedeutende Wirkung zu, wie ja die berühmten Worte Qu'il mourat! oder Soyons amis, Cinna! beweiſen, ſo gibt es wohl kaum etwas Ermüdenderes und Geſchraubteres, als dieſes fortwährende Spiel epigrammatiſcher Pointen.Il serait à désirer, ſagte Frau von Staöl von den ſpäteren Nachahmern, qu'on pút sortir de l'enceinte que l'hémistische et la rime ont tracée autour de l'art; car si l'on s'en tient toujours à ces copies toujours plus pâles des mêmes chefs-d'oeuvre, on finira par ne plus voir au théatre que des marionettes héroiques sacrifiant l'amour au devoir, préférant la mort à l'esclavage, inspirés par l'antithèse dans leurs actions, comme dans leurs paroles, mais sans aucun rapport avec cette étonnante créature qu'on appelle homme, avec la destinée redoutable qui tour-à-tour l'entraine et le poursuit. Schiller vergleicht dieſe conventionelle Würde, jenes ſtets beobachtete Pathos, das wie ein Panzer jedes wahre und natürliche Gefühl, abhält mit den Königen auf altfränkiſchen Kupferſtichen welche ſich mit Mantel, Scepter und Krone zu Bette legen ³⁵). Nur wo die innere Seelenwärme des

1) Es genüge uns hier, eine charakteriſtiſches Factum anzuführen. Im Jahre 1829 brachte Alfred de Vigny ſeine Ueberſetzung des Shakſpereſchen Othello auf die Bühne. Dies war ein kühner Schritt der romantiſchen Schule; denn die Ueberſetzung ſchloß ſich treu an das Original an, während dem Publicum bisher Shakſpere nur in den academiſchen Ver⸗ ballhorniſirungen Ducis' bekannt worden war. In den erſten Akten ging Alles gut, einige Stellen riſſen ſogar zu Beifalls⸗ bezeugungen fort. Als aber die ſchreckliche Scene kam, in welcher Othello von Desdemona das Tuch verlangt, welches ihr die teufliche Liſt Jago's entwendet hat, veranlaßte das eine Wort mouchoir(die einfache Ueberſetzung von handkerchief) einen Sturm von Gelächter und Pfeifen und das Schickſal des Stückes war dadurch entſchieden. So tief eingewurzelt iſt noch bis heute jene traditionelle Convenienz, während die Franzoſen mit ſo vielen Traditionen gebrochen, welche die Grund⸗ lagen ihres geiſtigen und politiſchen Lebens bildeten.

2) Dieſe fortwährend auf der eintönigen Höhe der Erhabenheit ſchwebende Sprache, dieſes beſtändige Streben nach pomphaften und blühenden Wendungen bildet gleichſam den Karzleiſtil der franzöſiſchen Tragödie, und Vertraute, Bürger, ja ſelbſt Selaven beobachten in allen, ſelbſt den gleichgültigſten Reden dieſelbe correcte Eleganz, dieſelbe Gewähltheit und Geſucht⸗ heit, welche dem Drama alles Dramatiſche d. h. alle Naturwahrheit und Farbe der Wirklichkeit benimmt. Villemain citirt ein Beiſpiel aus der Iphigenie des Euripides, welche er mit dem gleichnamigen Stücke Racine's vergleicht. Bei Euripides überraſcht der greiſe Diener den Agamemnon in der Verwirrung einer ſchmerzdurchwachten Nacht, er ſah ihn eine Fackel an⸗ zünden, einen Brief ſchreiben, ihn wieder auslöſchen, ein Siegel darauf drücken, es abreißen, ſeine Schreibtafeln zur Erde werfen und einen Strom von Thränen vergießen. Dann redet er, ſeinem Sclavenſtand angemeſſen, ſeinen Gebieter in einfacher Sprache an:Warum verläſſeſt du dein Zelt, o König Agamemnon, wenn Alles rund umher in tiefem Schlummer ruht? Nicht einmal die Wache an den Befeſtigungen iſt abgelöſt worden. Und erſt Agamemmon ſagt:Ach man hört nicht den Geſang der Vögel, nicht das Rauſchen des Meeres; das Schweigen herrſcht auf dem Euripus. Bei Racine dagegen beginnt der Sclave ſogleich auf hohem Kothurn:Mais tout dort, et J'armée, et les vents, et Neptune.

3) Es iſt ein Hauptverdienſt der romantiſchen Schule, dieſe ſeelenloſe Allgemeinheit, dieſen Mangel des wahren lebensvollen Colorits als die große Schwäche dieſer Tragödien bei den Franzoſen, deren Bewunderung für die reine, edle