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Kraft und Raſchheit, Phantaſie und Gefühlswahrheit keiner engliſchen oder deutſchen Ballade nachſteht. Wir können nur beklagen, daß alle dieſe herrlichen Proben des poetiſchen Geiſtes der Nation im Staube und unbeachteter Vergeſſenheit verkommen ſind, weil die academiſchen Dichter des 17. und 18. Jahr⸗ hunderts keinen Sinn für dieſe Inſpirationen hatten, und würden ſtatt eines ſolchen Gedichtes die par⸗ fümirte Salondichtung und die Oden an Chloris und Phyllis, welche jetzt in ariſtokratiſchen Druckwerken vermodern, hingeben ¹).
Betrachten wir dagegen jene Form der Kunſtpoeſie, in welcher die Franzoſen dem Alterthume ebenbürtige Muſter hervorgebracht zu haben glauben, die Tragödie. Hier zeigt ſich die Kälte der Abſtraktion, die Herrſchaft der Kunſtregel, die Abweſenheit der lebensvollen Wirklichkeit und Individua⸗ lität in einem abſchreckenden Lichte. Trotz der herrlichen Sprache, der großen Anmuth in Diction und Wohllaut, welche namentlich die Tragödien Racine'’s auszeichnet, trotzdem daß die Schilderung der Leidenſchaft in zarten und brennenden Farben an vielen Stellen den Seelenkenner verräth, fällt es dem deutſchen Leſer, welcher an die geſättigte Lebensfülle des deutſchen und engliſchen Schauſpiels gewohnt i*ſt, ſchwer, in den Stücken der drei Koryphäen des franzöſ. Dramas etwas anderes zu finden, als loſe aneinandergereihte, rhetoriſche Expoſitionen. Wir fühlen uns abgeſtoßen durch ein fortwährendes Rai⸗ ſonnement ſtatt der Empfindung, durch das Vorwalten der abſtrakten Allgemeinheit ſowohl in der Schilderung der handelnden Perſonen, welche mit griechiſchen oder römiſchen Namen, aber unter dem Zwang des Hofceremoniells und der Hofſitte Ludwig's XIV. auftreten, als in der Darſtellung der Motive und inneren Antriebe, welche ſtatt die Tonleiter des unendlich reichen, wunderbar verſchlungenen Seelenlebens zu durchlaufen, ſich auf ein paar dürftige, conventionelle Töne beſchränkt und durch eine leere Erhabenheit den Mangel an innerem Intereſſe nicht zu verbergen vermag. Nirgends zeigt ſich die Herrſchaft des Conventionellen in einem grelleren Lichte. Unter dem beſchränkenden Drucke eines engen Regelbaus, in welchem das Prokuſtesbette der drei Einheiten eine Hauptrolle ſpielt, mußte der Dichter eine tragiſche Handlung ausſpinnen und ſich dabei ängſtlich hüten, durch irgend einen Ton oder
nen auf celtiſchen Urſprung hinzuweiſen. Auffallende Aehnlichkeit hat das breton. Gedicht: Die Braut, bei Semmig Geſch. der franz. Literatur im Mittelalter p. 35.
1) Nur in der Bretagne, jenem alteeltiſchen Lande, welches noch treu den alten Ueberlieferungen Lieder ſingt aus der alten Heidenzeit und dem frommen Mittelalter, lebt noch heute ein unendlicher Reichthum von Volksliedern, welche entweder wie die Sones zarte Empfindungen der Liebe und Trauer austönen oder wie die Guerz Legenden, Wunder, furchtbare oder komiſche Ereigniſſe in das Gewand der Poeſie kleiden. So groß iſt die Sangesluſt und der poetiſche Sinn jener Provinz, daß Alles was die Seele des Volkes bewegt, in dieſen Geſängen ſich niederlegt, ja daß dieſelben wie einſt die Lieder der Troubadours die öffentliche Meinung beherrſchen und von Mund zu Mund ſich fortpflanzend die Stelle des modernen Jour⸗ nalismus vertreten. S. H. Semmig, Geſch. der franzöſ. Literatur im Mittelalter p. 24. Zur Zeit der Cholera wollten die Präfekte und Behörden die Bauern durch gedruckte Circulare über die Mittel belehren, welche gegen die Peſt wirkſam waren, an allen Kirchhöfen wurden die Zettel angeſchlagen, der Bauer aber ging vorüber, ohne ſie zu leſen. Da fiel es einem Volksdichter ein, die Belehrungen in celtiſche Verſe zu ſetzen, die ſich ſingen ließen. In einer Woche ſang alle Welt das gereimte Recept und Jedermann wußte nun, wie er ſich gegen die Cholera zu ſchützen habe. Sieh auch daſelbſt die innigen und ſchönen Lieder in deutſcher Ueberſetzung, aus Villemargué, Barzas Breiz,(chants bretons); es ſind darunter duftige, tief empfundene Klänge, welche Göthe und Heine nicht verſchmähen würden, wie z. B. die von zwei Bauernmädchen ge⸗ dichteten Schwalben, die Gloſſe über die reizende Strophe:
Die Turteltaube will ein Neſt,
Der müde Leib verlangt ein Grab,
Die Seele fliegt zum Paradies,
Mich aber ſehnt's nach deiner Bruſt.(S. 33 und 34.)


