Aufsatz 
Ueber den Entwicklungsgang der französischen Poesie bis zum achtzehnten Jahrhundert / von L. Noiré
Entstehung
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füllt war, die religiöſe. Nur hier beugte ſich die unumſchränkte Gewalt des Monarchen, nur hier ſtellte ſich der prunkhaften Umhüllung und dem großartigen Maskenſpiel die einfache, erhabene Größe bibliſcher Worte und die ernſte Mahnung menſchlicher Vergänglichkeit entgegen; die Kanzelreden eines Boſſuet, Bourdaloue, Maſſillon bleiben darum ewige Muſter der großen Beredſamkeit, welche nur durch die Claſſicität und Vollendung der Sprache, die Fülle des oratoriſchen Wohlklangs, die Gewählt⸗ heit und Würde des Ausdrucks ihrem Zeitalter angehören, durch die Kraft der Gedanken aber, die Höhe der Begeiſterung und den Schwung der ſittlichen Inſpiration für alle Jahrhunderte geſchrieben ſind. Das Verſiegen der Volkspoeſie. Spuren derſelben. Wenden wir nun das eben Geſagte auf die Poeſie an, ſo ergibt von ſelbſt, daß dieſelbe durch dieſe Einflüſſe in ihrem freien Laufe immer mehr eingedämmt, ihren wahren Inhalt, die lebensvolle auf dem Volksthümlichen wurzelnde Kraft nach und nach einbüßte und, wie die Beredſamkeit, mehr und mehr die Eigenthümlichkeit zu glänzen, das Gere⸗ gelte, Kunſtmäßige, Hoffähige in erſte Linie ſetzte, wobei Gefühl und Phantaſie eine ganz untergeord⸗ nete Stelle erhielten. Wenn wir alſo die Formenfülle, die freie Beweglichkeit, die individuelle Farbe, die naive Unbefangenheit, welche noch im 16. Jahrhundert vielen Schriften das eigenthümliche Gepräge des Volksgeiſtes aufdrücken, von nun an ganz vermiſſen, ſo ergibt ſich daraus, daß alle die oben ge⸗ nannten Einflüſſe, das erdrückende Uebergewicht der antiken Bildung, die politiſche Centraliſation, die Philoſophie Descartes', die Herrſchaft der Academie, die poetiſchen Regeln Boileau's und vor Allem das ſociale Element den Bruch mit der Vergangenheit und dem Volksthümlichen vollendeten. Alles was vor der Zeit der Renaiſſance in Kunſt und Volksleben ſich geſtaltet hatte, wurde durch das Wort gothiſch verurtheilt; die freien und köſtlichen Stimmen der Volkspoeſie, denen der große Dichter ein williges Ohr leiht, durch deren Verklärung er die höchſte Wirkung erreicht, wurden als barbariſch ver⸗ achtet. In dieſer Verſchmähung lag das Verderben; denn nur wo die geſunden und lauteren Quellen des Volksthümlichen durch die Kunſt des Dichters veredelt, wie Perlen in reines Gold gefaßt werden, kann eine wahre Poeſie erblühen. Jene Naturlaute, Töne des wirklich Erlebten, des innerlichen Leides und der jubelnden Freude, Lieder aus allen Ständen und Lebensverhältniſſen in rührenden, einfachen ergreifenden Melodien, welche entſtanden und nicht gemacht durch das Gedächtniß und den Mund des Volkes aufbewahrt werden, bilden den köſtlichen Schatz der tiefſten und reinſten Poeſie, welcher von dem empfänglichen Dichter gehoben werden kann. Solche Lieder lebten bei all den Volkern germaniſcher Abkunft, ſolche Lieder ſproſſen wie zahlloſe Feld⸗ und Waldblumen in der deutſchen Volkspoeſie, und dieſe wurden, durch Herder und Göthe geſammelt, Stoff und Anregung zu dem Herrlichſten, was die deutſche Lyrik aufzuweiſen hat. Sollten wir nun glauben, daß den Franzoſen dieſe tiefe unmittel⸗ bar aus dem Herzen des Volkes ſtrömende Ader des einfachen, kunſtloſen, die reine Empfindung aus⸗ tönenden Volksgeſanges gänzlich gefehlt habe? Dann wäre freilich die Rhetorik und die academiſche Regelmäßigkeit ihrer Dichtung gewiſſermaßen berechtigt, da bei derſelben niemals das urſprüngliche Feuer und die poetiſche Kraft des Volkes mit dem läuternden und geſtaltenden Schönheitsſinn eines Dichters ſo zuſammentreffen konnte, wie wir es bei Shakſpere, Burns, Gothe, Bürger, Uhland bewun⸗ dern. Dem iſt aber nicht ſo und kann nicht ſo ſein; es war leider nur die aus den oben angeführten Urſachen zur Alleinherrſchaft gelangte Kunſtregel, welche den wirklichen Inhalt durch typiſche oder pſeudo⸗ klaſſiſche Allgemeinheit erſetzte und dieſe Feſſeln nicht nur den franzöſiſchen Dichtern auflegte, ſondern ebenſo die deutſche und britiſche Muſe knechtete, es war dieſe Kunſtregel in ihrer vornehm verachtenden .. 3