Aufsatz 
Ueber den Entwicklungsgang der französischen Poesie bis zum achtzehnten Jahrhundert / von L. Noiré
Entstehung
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Lächerlichen ſich in den Comödien Molidre's und Beaumarchais', in den Schriften Voltaires in ihrer ganzen Furchtbarkeit entfaltete, trat das Theatraliſche und Rhetoriſche namentlich in dem Zeitalter Ludwig's XIV. hervor, begünſtigt durch das Beiſpiel dieſes Königs, der vom Lever bis zum Schla⸗ fengehen mit ſeiner erhabenen Rolle beſchäftigt, von ſeinen Untergebenen verlangte, daß ſie ebenſo feier⸗ lich und würdevoll auftreten und ihre inneren Vorzüge äußerlich zur Schau tragen ſollten. So trat in Sitte und Gewohnheit, Lebensanſichten und Umgang in der franzöſiſchen Nation neben die urſprüng⸗ liche Naivetät und liebenswürdige Nachläſſigkeit allmälig dieſes ſelbſtbewußte, feierliche, getragene Weſen, welches mit der Eitelkeit allerdings verwandt, mit der Affektirtheit aber ſchon um deswillen nichts gemein hat, weil es zur anderen Natur geworden iſt. Vom Höchſten bis zum Geringſten in allen Lebensverhältniſſen durch alle Phaſen der neueren Geſchichte und Entwicklung hindurch läßt ſich dieſes Weſen verfolgen; von den glänzenden Prunkgeſtalten und den Ruhmestrophäen Ludwig's XIV. bis zu den römiſchen Adlern und den pomphaften Armeebefehlen der Kaiſerzeit, von der Apotheoſe des mit abſoluter Machtfülle bekleideten Fürſten bis zu den wilden Mord⸗ und Brandſchriften der wüthenden Demagogen und den gräßlichen Feſten der Guillotine, von den glänzenden Reden in den Sitzungen der Academie oder des Tribunals bis zu den Anreden des Korporals an ſeine Troupiers, ja bis in die gewöhnlichſte Privatunterhaltung: überall in Volksleben und Sitte, in Kleidung und Rede, in Kunſt und in der ſtrengen Wiſſenſchaft begegnen wir jenem theatraliſchen Weſen, das ſich hier in glänzender Gewandung und anſpruchsvoller Drapirung, dort in ruhmredigen Citaten aus den großen Zeiten des Alterthums, hier in kurzen, draſtiſchen Schlagwörtern, erſchütternden Antitheſen, volltönenden Phraſen, welche in der Revolutionszeit namentlich mehr als einmal auf den Gang der Ereigniſſe eingewirkt haben, dort in einer harmoniſchen Fülle wohlklingender Redensarten offenbart. Welch' bedeutende Wirkung dieſes Weſen auf Sprache und Poeſie ausgeübt, haben wir ſchon oben angedeutet. Die franzöſiſchen Schriftſteller ſelbſt bezeichnen im Zeitalter der Renaiſſance, nachdem die trübe Gährung von Wiſſens⸗ drang und neuen Ideen ſich abgeklärt hatte, Beredſamkeit, éloquence, als den Zweck der Literatur und in dem königlichen Patent der Gründung der Academie bezeichnet Richelien dieſelhe als die edelſte der Künſte. Gerade die academiſche Beredſamkeit und die Sitte der éloges trugen ſehr viel zur Fixir⸗ ung und Verbreitung jenes rhetoriſchen Weſens bei; denn dieſe Reden waren nicht mit der Wirklichkeit in belebender Verbindung, nicht die großen Gegenſtände des Forums, des Senats waren ihr Inhalt, ſondern ſie laſſen ſich meiſt nur mit den Redeübungen der römiſchen und griechiſchen Rhetoren und Sophiſten vergleichen. Die krankhafte Bläſſe theoretiſcher Kunſtreden wurde mit dem Flitterſtaat einer kunſtvollen Manier, eines klingenden Stils, eines glänzenden und überraſchenden Ausdrucks verdeckt; es handelte ſich darum, die innere Leere durch das Spiel des Geiſtes und Witzes zu verhüllen; an die Stelle der Wahrheit und Natur traten Glätte, Gemeſſenheit, prunkhaftes und oft ſchwülſtiges Weſen⸗ Bedenkt man nun, daß das höͤchſte Ziel des Ehrgeizes für die vornehmſten Männer war, der Academie anzugehören und ſich auf dem Gebiete der Poeſie und Beredſamkeit auszuzeichnen, ſowie, daß dieſer Ton und Geſchmack durch die Disciplinirung und die Centraliſation als der allein berechtigte und maß⸗ gebende galt, ſo kann es uns nicht Wunder nehmen, wenn wir jenen kunſtvollen academiſchen Stil und jenes rhetoriſche Weſen allmälig in allen Lebensverhältniſſen und Geiſtesprodukten auftauchen und zur Geltung gelangen ſehen. Nur eine Art von Beredſamkeit vereinigte mit der Kurſt des Periodenbaues und der äußeren Schönheit auch innere Kraft und Würde, weil ſie von einem großen Gegenſtande er⸗