— 15—
XIV., er vereinigte alle Gelehrten, Schriftſteller, Künſtler und Dichter, beſchützte, belohnte und ehrte ſie, um deſto ſicherer über ſie zu herrſchen. So wurde die Perſon des Königs Mittel⸗ und Ausgangs⸗ punkt aller geiſtigen Thätigkeit; wie er das Zauberſchloß und die Zaubergärten von Verſailles durch den Wink der Majeſtät da hervorzurufen ſich gefiel, wo die Natur eine Sandwüſte gelaſſen, wie dort Bäume und Pflanzen und Gewöſſer, ſtatt in natürlicher Freiheit, nur in den Schranken mathematiſch⸗ abſolutiſtiſcher Linien erſcheinen durften; wie die Götterbilder und Marmorgruppen alle nur die Per⸗ ſon des Monarchen ſpiegelten: ſo vereinigten ſich Dichter und Künſtler in ihrem Schaffen zur Apotheoſe des„großen Königs.“ Das Imponirende ſeiner Erſcheinung, das Unumſchränkte ſeiner Regierung, die ſtrenge Nobleſſe in der Etikette ſeines Hofes, der äußere Anſtand, den er ſelbſt ſcrupulös beobachtete, drückten der geſammten Literatur ihr eigenthümliches Gepräge auf. Die ſtolze Unabhängigkeit, in wel⸗ cher der Künſtler allein eine wahre Inſpiration zu finden vermag, war gänzlich verſchwunden; das Syſtem, der esprit de suite waren herrſchend. Tout ce qui s'éloigne trop de Lulli, de Racine et de Lebrun est condamné, ſagt La Bruydre, und Racine ſelbſt ſtarb ja bekanntlich an einem ungnädigen Blicke Ludwig's XIV. So wenig der Glanz und die äußerſte Pracht der Siege, Hoffeſte, Paläſte und Kunſtwerke dem franzöſiſchen Volke wahres Glück oder auch nur einen Balſam für die vielen und ſchweren Wunden zu geben vermochten, welche ihm die Kriegsluſt und Verſchwendung ſeines Herrſchers ſchlugen, ebenſo wenig konnte aus dem 1'Etat c'est moi eine andere, als eine künſtlich befruchtete Poeſie hervorſprießen. Die königliche Würde, die Hoffähigkeit der franzöſiſchen Muſe, das allgemeine Intereſſe, welches ihr zugewendet wurde, verliehen ihr allerdings eine feierliche Haltung, Schönheit und Größe in den äußeren Formen, aber auch eine abgezirkelte und abgemeſſene Bewegung, ein ſtetes Beobachten der Convenienz und äußerlicher Regeln neben Phantaſiearmuth und Leere an wirklichem Inhalt. Rhetoriſcher Charakter dieſes Zeitalters. In dieſer Zeit und durch dieſe Einflüſſe kam eine Aeußerung des ſocialen Geiſtes, welche von nun an in der äußeren Form der franzöſiſchen Dichterwerke durchweg maßgebend blieb, zur freieſten Geſtaltung, ich meine das rhetoriſche oder theatraliſcheu) Element, welches ſchon mehrfach erwähnt, hier am beſten auf ſeine eigentliche Quelle zurückgeführt wird. Die Wirkungen des ſocialen Bewußtſeins auf die Geſammtthätigkeit geiſtigen Lebens äußern ſich auf eine polare Weiſe; der eine Pol iſt die Erhöhung des Individuums durch das Bewußtſein, daß es in ſeinem Denken und Thun in Einklang ſteht mit der großen Majorität oder doch wenigſtens eine bedeutende Wirkung auf dieſelbe äußert, ſie bewegt und erſchüttert und daß ſie ihm innerlich ihre Sympathieen nicht verſagen kann, wenn ſie auch äußerlich ihm feindlich gegenüberſteht; der andere Pol iſt das vernichtende Bewußtſein des Einzelnen, daß er mit ſeinem Weſen in Widerſpruch ſteht mit den Meinungen und dem Denken der Menge, daß dieſe im ruhigen Gefühl ihrer Ueberlegenheit alle ſeine Abweichungen und Abnormitäten entweder auf Rechnung einer mangelnden Befähigung ſchreibt oder daß ſie ſein vergebliches Bemühen, ſein individuelles Denken feſten, hergebrachten Normen entgegenzu⸗ ſetzen, ohne Weiteres für einen Ikarusflug erklärt. Aus dem einen Pole entſpricht das Rhetoriſche, aus dem andern das Lächerliche in all ſeinen Erſcheinungen und Unterarten; da beide aus dem ſo⸗ eialen Bewußtſein erwachſen, ſo mußten bei dem eminent ſocialen franzöſiſchen Volke die großen und bedeutenden Schriftſteller von dem einen oder dem anderen ihre Waffen entlehnen. Während die Macht des
1) So nennt es H. v. Blomberg in einem ſehr geiſtreichen Aufſatz: Ueber das Theatraliſche in Art und Kunſt der Franzoſen, in der Zeitſchrift für Völkerpſychologie und Sprachwiſſenſchaft I., 6.


