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in welche ſie die Dichtungen eines Racine und Molizre leiteten. Seine Thätigkeit ging Hand in Hand mit der jener ihm ſo befreundeten Dichter; ihre Vorzüge, wie ihre Einſeitigkeit gehen aus dem hauptſächlich durch Boileau zur Geltung gelangten Syſtem hervor. Denn wenn ſeine Kritik vor⸗ nehmlich durch das Studium der Alten und namentlich der römiſchen Dichter gereift war, wenn er durch die Geſundheit ſeines im Anſchauen dieſer ewigen Meiſter geübten Blickes die verkehrten, verzerr⸗ ten, krankhaften Bildungen erkannte und richtete, ſo iſt doch auf der anderen Seite nicht zu läugnen, daß er, indem er die Werke der Alten einzig als abſolut maßgebend aufſtellte, mehr formale und äußer⸗ liche Geſchmacksregeln aus denſelben deducirte; daß er, um den Ausſchreitungen einer ungezügelten Phantaſie und dem Maßloſen in Schmuck und Umkleidung zu begegnen, die nüchterne Abgemeſſenheit — den bon sens— als den Mittelpunkt des poetiſchen Schaffens aufſtellte ¹); daß er dabei die große und ewige Quelle der wahren Poeſie, die Inſpiration, ganz außer Rechnung ließ. Wenn er daher als der Législateur du Parnasse geprieſen wurde, wenn ſein Art poétique als der Canon des guten Ge⸗ ſchmackes galt, ſo daß viele Verſe deſſelben zu Sprichwörtern geworden ſind, ſo darf dabei nicht vergeſ⸗ ſen werden, daß gerade dieſer gute Geſchmack eine Feſſel iſt, welche das allgemeine, gebildete Urtheil dem ſchaffenden Dichtergeiſte auferlegt und daß wir hier alſo wieder eine Wirkung des ſocialen Geiſtes erkennen. Dieſes einſeitige Geſchmacksideal äußerte ſeine Wirkungen hauptſächlich darin, daß die Dichter die Correctheit als das Ziel ihres Strebens betrachteten, d. h. daß ſie ſich viel mehr ängſtlich hüteten, in gewiſſe Fehler zu verfallen, als die entgegengeſetzten Vorzüge zu erreichen. Der Bund der Gelehr⸗ ſamkeit und des eigenen Denkens drang nicht bis zur Wurzel der Meiſterwerke des Alterthums: Freiheit, Natur. Nur über einzelne Stellen wagte man ein Urtheil, ſtritt über ihren Werth oder Unwerth bis in's Detail, wo alles Gefühl aufhört, und ſuchte den Grund des Vergnügens über ſolche Stellen nicht ſowohl aus der Natur der Seele zu erklären, als vielmehr aus einigen, oft ziemlich leeren Abſtraktionen darüber herzuleiten, während doch die erſte Bedingung des Verſtändniſſes eines Kunſtwerkes die Anſchau⸗ ung des Ganzen iſt.
Dieſe academiſche Claſſieität iſt von nun an die Bahn und der Leitſtern der franzöſiſchen Dichtung. Wir haben ſchon in dem Geſagten als ihre weſentliche Elemente angeführt: eine entſchiedene Richtung nach dem Allgemeinen, welche nach Abſtraktionen und typiſchen Muſtern ſchaffen wollte; eine Entfrem⸗ dung gegen allen nationalen Inhalt, welche eine innere Leere erzeugte, die weder durch die großtönen⸗ den Namen des Alterthums, noch durch äußeren Schmuck und Beredſamkeit verdeckt werden konnte; eine ſtrenge Disciplinirung durch den literariſchen Geſchmack und den Richterſtuhl deſſelben, die franzö⸗ ſiſche Academie, ſowie durch die ſociale Gebundenheit, was alles ein freies lebendiges Schaffen des Genius unmöglich machte. Alle dieſe Elemente treten in zuſammenwirkender, bewußter Thätigkeit erſt in dem Zeitalter Ludwig's XIV. auf, welches die Franzoſen gewöhnt ſind, die klaſſiſche Periode ihrer Literatur zu nennen. In dieſer Zeit war das Ziel der inneren Politik, die Concentration der Macht in der Perſon des Königs vollkommen erreicht; man dachte auch Sprache und Denkart der Menſchen beherrſchen zu konnen. Die Geſchichte zeigte das Beiſpiel des Auguſtus, der ſeine Römer, um ſie der Republik vergeſſen zu machen, auch durch Protektion der Literatur unterhalten und ſie dadurch ſo trefflich täuſchte, daß er von dem nachfolgenden Zeitalter dafür vergöttert wurde. So that Ludwig
1) Tout doit tendre au bon sens.


