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Die ernſthafteſten Männer, Feldherrn und Prälaten laſen dieſelben und ſuchten ihre Schönheiten zu ergründen, ja ſelbſt der gute Lafontaine erbaute ſich daran. Man nahm in vertraulichem Umgang ſogar die Namen der Schäfer und Helden an und unterzeichnete ſich: Celidamant, Clélie, Alcan⸗ der, ja man ſuchte in den ernſteſten Angelegenheiten jenen unnatürlichen Stil nachzuahmen. Man unter⸗ ſchied in der Dichtung zwei Gattungen: le Galant und le Soutenu, erſteres die eigentliche Geſellſchafts⸗ poeſie, die zierlichen Einfälle, die ſentimentalen Schnörkel, das letztere die größeren, ernſteren Stoffe, Epopöen ꝛc., in denen äußerer Schwulſt und innere Hohlheit das Unglaubliche leiſteten. Ob Brutus „und Lucretia, ob Horatius Cocles und Clölia, ob Türken, Griechen reden, immer iſt es derſelbe geſpreizte, mit Anſpielungen und Allegorien überladene ſüßliche Ton.— Um einen Begriff jener Con⸗ cetti zu geben, mögen einige Beiſpiele genügen, welche gewiß bei den Zeitgenoſſen die höchſte Bewun⸗ derung erregten und in welchen ſie le fin des choses, le grand fin, le fin du fin in hoͤchſter Vollendung fanden. In dem Drama„Pyramus und Thisbe“ von Th. Viaud bemerkt Thisbe den Dolch, mit wel⸗ chem ihr Geliebter ſich getödtet hat und ruft aus:
„Ah! voilà le poignard qui du sang de son maitre „S'est souillé lachement; il en rougit, le trattre!
In dem Epos„Saint Louis“ des Pdre Le Moyne kommen gar Stellen vor, wie folgende: Le jour meurt et le bruit avec le jour mourant, Pour en porter le deuil les ténèbres descendent.— und Les arbres d'alentour prenaient part à la fète Et sans mouvoir les pieds, dansaient avec la tête!—
Größeres konnten Gongora, Marino und Guarini nicht leiſten, ſie waren erreicht, wenn nicht übertroffen.—
Das Zeitalter Ludwig's XIV., Boileau und die academiſche Claſſicität. Mauvais goYèt! mit dieſen Worten trat Boileau dieſer Zeitrichtung entgegen und verdammte mit puritaniſcher Strenge alle jene Ausartungen— ſpaniſche Rodomontade, italieniſches Raffinement, engliſche Geſpreiztheit, wie ſie in den bureaux d'esprit und ſelbſt in dem ernſten Leben ſich breit machten und dieſes Verdienſt iſt ihm in vollſtem Maaße zuzuſchreiben. Wenn wir bedenken, was es heißt, ſich gegen eine herrſchende Zeitrichtung aufzulehnen, welche noch dazu eine Sache der Mode geworden und durch ein zahlloſes Heer von Dichtern, die ſich gegenſeitig lobhudelten, von Elegants, von Vornehmen und Mächtigen ver⸗ treten war, ſo müſſen wir in der That den kühlen Muth bewundern, mit welchem er in neun Satiren ſchonungslos die Mängel, Lächerlichkeiten und Unnatur der Dichtungen ſeiner Zeit enthüllte. Geſchmäht, geläſtert und verfolgt von den in ihrer Exiſtenz bedrohten Modedichtern, führte er die Polemik glücklich durch und gab der Vernunft und der Wahrheit wieder die ihnen gebührende Stelle in der Beurtheilung
und dem Wirken der Poeſie. Aimez vous la raison; que toujours vos écerits Empruntent d'elle seule et leur lustre et leur prix! Rien n'est beau que le vrai, le vrai seul est aimable.
Dies waren große Wahrheiten, welche der Zeit Noth thaten und obgleich ſchon der an männlichen Schoͤnheiten reiche Cid von Corneille früher erſchienen und trotz der Ungnade Richelieu's und dem Verdammungsurtheil der Academie den ungetheilten Beifall des Publicums gefunden hatte, ſo kann man doch von Boileau ſagen, daß er die Luft reinigte und der franzöſiſchen Poeſie die Bahnen eröffnete,


