Aufsatz 
Ueber den Entwicklungsgang der französischen Poesie bis zum achtzehnten Jahrhundert / von L. Noiré
Entstehung
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ſeine eigene Unbedeutendheit zu verſtecken, indem er mehr zu ſagen ſcheint, als er wirklich ſagt; wäh⸗ rend umgekehrt der Geiſtreiche aus demſelben Grunde in feiner Wendung und unter dem Schutze der Flüchtigkeit der Sprache viel mehr ſagen kann, als er zu ſagen ſcheint. Auch in der Poeſie wurde da⸗ mals dieſe äußere Glätte, die Eleganz, und das geiſtreiche Spiel hingeworfener Gedanken als das Weſentlichſte betrachtet. Bei der Bedeutung, welche die Frauen in der großen Welt, namentlich ſeit Franz I. bekommen hatten, iſt es nicht zu verwundern, daß ſie den Mittelpunkt vieler dichteriſchen Kreiſe bildeten und daß die Galanterie, d. h. eine oft witzige und geiſtreiche, mehrentheils aber erkünſtelte und gehaltloſe Darſtellung ſpielender, tändelnder Empfindungen, eine durch die kleinſten Intereſſen und unbedeutendſten Vorfälle angeregte Verſemacherei, die unzähligen Dichterlinge beſeelte, welche damals in den Salons den Damen ihre Huldigungen darbrachten. War dieſe Richtung der Dichtkunſt verderb⸗ lich, indem dieſelbe in Flachheit und Gefühlsleere ausgehen mußte, da eine feine gebildete Wendung über Alles geſchätzt wurde und ein Naturlaut des Herzens als eine Barbarei verachtet worden wäre; ſo mußte die ſociale Stellung der Dichter und der Umſtand, daß die Poeſie zur Modeſache geworden war, noch viel entnervender auf dieſelbe wirken. Die Vornehmen und Reichen hielten meiſt zur Be⸗ friedigung ihrer Eitelkeit einen oder mehrere Dichter, denen ſie Penſion auszahlten und deren Muſe natürlich vom Lobe des Brodherrn überſtrömte. Außerdem verſammelten glänzende und ausgezeichnete Frauen, namentlich die Markiſe von Rambouilllet, welche unter dem Schäfernamen Arthenice ge⸗ feiert wurde, einen Kreis von vornehmen und geiſtreichen Männern um ſich, welche ihren größten Stolz darin fanden, in einer Unzahl von galanten Verſen den dames précieuses das war urſprüng⸗ lich ihr Ehrenname Weihrauch zu ſtreuen. Die Sprache wurde dadurch allerdings, namentlich durch die Nachahmung der wohltönenden italieniſchen, gebildeter, die Sitten feiner und abgeſchliffener; aber die Poeſie ſank herab zu einer Treibhauspflanze, zu einem Spiel geſelliger Unterhaltung, zu einer in⸗ haltloſen Nachahmung fremder Geſchmackloſigkeit. Namentlich war es der ſpaniſche Cultorismus oder Gongorismus, welcher durch Antonio Perez nach Frankreich verpflanzt wurde und der nach einem Werke John Lilly's benannte in England und namentlich am Hofe der Königin Eliſabeth herrſchende Euphuismus), welche als Ideale feiner Bildung und ausgewählter Redeweiſe geprieſen wurden. Das Weſen dieſer falſchen Geſchmacksrichtung beſtand darin, nichts auf eine einfache und ge⸗ wöhnliche Weiſe zu ſagen, ſondern Alles ſelbſt das Unbedentendſte entweder durch eine Antitheſe, oder ein Wortſpiel(faire des pointes), oder eine Allegorie pikant oder ausgewählt(estilo culto) zu machen; es waren Gerichte, in welchen die nahrhafte Speiſe fehlte, während Würzen bis zum Ekel hinzugethan wurden. Dazu kamen nun noch die italieniſchen concetti, denn Marino kam in eigener Perſon an den Hof der Maria von Medicis und lehrte dort ſeinen blumenreichen Schwulſt, ſeine kokette, über⸗ tünchte, hohle Bilderſprache und nun überflutheten die Dichter das Publikum mit Nachahmungen italie⸗ niſcher Eclogen, Canzonen und Sonette. Dieſe Elemente vereinigten ſich und brachten namentlich in den bändereichen Romanen der Fräulein von Scudéry, in welchen Helden und Schäfer, große Tira⸗ den und endloſe Beſchreibungen, Liebesgefaſel und Tugendlehren in einen gleichförmigen Brei ſchwülſtig⸗ ſter Unnatur eingehüllt waren, den Gipfelpunkt und das Ziel der allgemeinſten Bewunderung hervor.

1) Nach dem Werke Euphues and his England. Vieles iſt ſelbſt in den Dramen Shakſpere's auf Rechnung dieſes Einfluſſes zu ſetzen. Einen ſehr ergötzlichen Typus des Euphuismus hat Walter Scott in der Perſon des sir Shafton in dem Roman das Kloſter gezeichnet.