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deutſchen Schriftſteller erwarten, daß er auch den gewöhnlichen Gegenſtand ſo einkleide, daß er als etwas Beſonderes und Neues uns auffalle, wird im Gegentheil bei den Franzoſen demjenigen das größte Lob zufallen, welcher ſchwierige und tiefe Ideen ſo darzuſtellen weiß, daß ſie überall an Bekanntes anknüpfend ſich von ſelbſt zu ergeben ſcheinen; jener gibt auch dem mit der Sache Vertrauten noch zu denken, dieſer hilft auch dem minder Begabten und nicht Eingeweihten über die Schwierigkeiten hinweg; jener offenbart die Kraft des Individuellen, dieſer ſociale Fähigkeit und Selbſtentäußerung. Schön hat Mon⸗ tesquieu dies in einer Paradoxie als den höchſten Vorzug, welcher in Voltaire, als dem nationalſten Ausdruck des franzöſiſchen Geiſtes, zur Erſcheinung kommt, bezeichnet; indem er ſagt:„Il a plus que personne l'esprit que tout le monde a.“ Dieſe Neigung, wie ein gewöhnlicher Menſch zu denken und zu reden ¹), d. h. für ſo Viele als möglich verſtändlich zu reden, hat natürlich der Sprache ein ſehr ſcharfes, proſaiſches Gepräge gegeben; denn dem franzöſiſchen Schriftſteller iſt es nicht erlaubt, ſich eines klar erkannten Gedankens zu freuen, wofern er ihn nicht ſo darzuſtellen vermag, daß alle andern ihn eben ſo klar erkennen, als er ſelbſt²2). Darum legt dieſe ſcheinbar ſo leichte und gefällige Sprache ihren Pflegern ſo ſchwere Opfer und Anſtrengungen auf; während das deutſche und engliſche Publikum gerne dem Gedanken zu Liebe ſprachliche Nachläſſigkeiten und individuelle Ausdrucksweiſen hinnimmt, ja oft dieſen Eigenthümlichkeiten Beifall zollt und darin das fortdauernde, ſtille Walten des ſchaffenden Sprach⸗ genius erkennt, unterwirft der franzöſiſche Geſchmack den Stil des Schriftſtellers mit unnachſichtlicher Strenge den allgemeinen Regeln, verlangt von ihm, daß er nur ſolche Ausdrücke und Verbindungen anwende, welche durch den Gebrauch autoriſirt und gleichſam eine mathematiſche Geltung oder den be⸗ ſtimmten Werth einer Münze erhalten haben. Keine Sprache geſtattet weniger den Gebrauch von Figuren und Tropen; keine hat ſich alſo auch in dieſer Hinſicht mehr ihres individuellen Charakters und ihrer nationalen Farbe entäußert und ſomit die Befähigung einer allgemeinen oder Weltſprache er⸗ halten; aber damit ſind auch dem poetiſchen Ausdrucke, der dichteriſchen Geſtaltung die reichſten Mittel entzogen ³).
Der falſche Geſchmack in der erſten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Wichtige Aeußerungen dieſes ſocialen Geiſtes erſcheinen bei jeder neuen Phaſe der franzöſiſchen Literatur. Wir erwähnen hier zu⸗ vörderſt für die erſte Hälfte des 17. Jahrhunderts die Herrſchaft des Salontons, der Mode, der feinen Geſellſchaft, der geiſtreichen Frauen, der ſchöngeiſtigen Galanterie. Durch dieſe Einflüſſe gewann die Sprache jene zierliche Anmuth, jene Leichtigkeit und Gewandtheit, jene Eleganz der Form, welche ſie zur Sprache der Geſelligkeit ſo beſonders befähigt, indem ſie munter und leicht über das Ernſte und Strenge hinwegzuhüpfen vermag, die Gegenſätze ausgleichen, durch eine Reihe conventioneller Phraſen auch über nichtige Dinge eine ſcheinbar gehaltvolle Unterredung führen kann und ſo auch dem Geiſtloſen verſtattet,
1) Das Wort Original enthält im Deutſchen in ſeiner urſprünglichen Bedeutung ein großes Lob; im Franzöſiſchen in ſeiner gewöhnlichen Anwendung harten Tadel; es bedeutet einen qui n'est pas comme tout le monde, faſt ſoviel als ein Narr.
2) Les Français ne savent pas combien je prends de peine pour ne leur en point donner. Poltaire.
3) Un des grands avantages dęs dialectes germaniques en poésie, c'est la variété et la beauté de leurs épithètes. L'allemand, sous ce rapport, peut se comparer au grec; l'on sent dans un seul mot plusieurs images, comme dans la note fondamentale d'un accord, on entend les autres sons dont il est composé, ou comme de certaines couleurs réveillent en nous la sensation de celles qui en dépendent. L'on ne dit en français que ce qu'on veut dire et'on ne voit point errer autour des paroles ces nuages à mille formes qui entourent la poésie des langues du nord et réveillent une foule de souvenirs.— Mme. de Stadl.
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