Aufsatz 
Ueber den Entwicklungsgang der französischen Poesie bis zum achtzehnten Jahrhundert / von L. Noiré
Entstehung
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iſt auch der Nutzen nicht in Abrede zu ſtellen, inſofern die Sprache als das Organ der Allgemein⸗ heit durch eine Verſammlung bedeutender Männer beobachtet, geprüft und für das franzöſiſche Volk fixirt wurde, und ſchon der Name: Académie française, ſchon das Bewußtſein, daß eine ſolche Anſtalt gleichſam die Geſammtintereſſen des geiſtigen Lebens repräſentire, mußte ſehr dazu beitragen, Regel und Disciplin auf das literariſche Gebiet zu übertragen. Alle dieſe Einflüſſe vereinigten ſich und erreichten ihren Höhepunkt in dem Zeitalter Ludwigs XIV. Doch haben wir noch das Gepräge und die Beſtre⸗ bungen der vorhergehenden Periode kurz anzudeuten..

Sklaviſche Nachahmung des Alterthums. Die Dichtungen Ronſard's und ſeiner Zeitgenoſſen be⸗ zeichnen jene erſte Einwirkung des klaſſiſchen Alterthums, jene Zeit, in welcher daſſelbe mit leidenſchaft⸗ licher Bewunderung aufgenommen und ſtudirt, aber, wie ſchon bemerkt, auf eine ſklaviſche und buch⸗ ſtäbliche Weiſe übertragen und nachgeahmt wurde. Griechenland und Rom ward das Feldgeſchrei aller jener Dichter, welche nur bedauerten, nicht auch Kleider, Sitten und Gewohnheiten der Alten annehmen zu können, wie denn nach der Aufführung der mit ungeheurem Beifall aufgenommenen Kleopatra von Jodelle(1552) Dichter und Schauſpieler bei feſtlichem Gelage einen mit Epheu und Blumen bekränzten Bock zu Ehren des Theſpis ſchlachteten. Gerne hätte man die ganze Zwiſchenzeit ſeit der Blüthe der antiken Literatur weggeſtrichen und dieſelbe unmittelbar fortgeſetzt. Doch wie der Bruch mit der natio⸗ nalen Ueberlieferung dieſe Poeſie inhaltlos und leer machte, ſo wurde der Sprache und der äußeren Form derſelben durch die unmittelbare Uebertragung der antiken Regeln und namentlich des mytholo⸗ giſchen Apparates Gewalt angethan. Nicht Nachfolger der Alten, nicht Wetteiferer mit ihnen, die ver⸗ möge übereinſtimmender Anlage und Bildung auf ihrem Wege fortgingen, waren jene Dichter, ſondern ſie umhingen ſich äußerlich mit dem durch ihre Gelehrſamkeit gebotenen Koſtüm; ihre Dichtungen ſind nach dem trefflichen Vergleich Schlegel's, wie die Gärten, welche die Kinder anlegen; ungeduldig, eine ſogleich fertige Schöpfung ihrer Hände zu ſehen, pflücken ſie hier und da Zweige und Blumen ab und pflanzen ſie ohne weiteres in die Erde; anfangs hat es ein herrliches Anſehen und der kindiſche Gärtner geht ſtolz zwiſchen den zierlichen Beeten auf und ab, bis es damit bald ein klägliches Ende nimmt, in⸗ dem die wurzelloſen Pflanzen ihre welkenden Blätter und Blumen hängen laſſen und nur dürre Reiſer zurückbleiben. Es war mit einem Worte eine durchaus gelehrte Dichtung, welche mit mythologiſchen Bildern und antiken Formen dermaßen überladen war, daß Ronſard ſelbſt ſagt: Les Français qui mes vers liront S'ils ne sont et Grecs et Romains Au lieu de ce livre ils n'auront Qu'un pesant faix entre les mains. Merkwürdig iſt die Art und Weiſe, wie Ronſard die Sprache zu bereichern und für den kühnen Flug, welchen die Poeſie, wie er meinte, nun nehmen müſſe, geeignet machen wollte; er nahm ohne Unterſchied lateiniſche und griechiſche Wörter, denen er nur eine franzöſiſche Endung gab; er bildete, ganz dem franzöſiſchen Sprachgeiſte zuwider, Zuſammenſetzungen nach Art der Griechen; ebenſo ſuchte er den Wortreichthum durch Um⸗ und Weiterbildungen zu vermehren. Die Willkür, mit welcher er dabei verfuhr, indem er die Geſetze der antiken Sprachen geradezu auf das Franzöſiſche über⸗ tragen wollte, machte natürlich ſein Unternehmen ſcheitern*). Und ſo groß der Beifall war, den Ron⸗

*) Daß ſelbſt Ronſard bei dieſem weitauseinandergehenden, gleichſam die Sprache auflöſenden Verfahren dennoch jener oben erwähnte, ächt franzöſiſche Trieb der Einheit vorſchwebte, geht u. A. aus folgender Stelle hervor: Aujourd'hui pourceque notre France n'obéit qu'à un seul roi, nous sommes contraints, si nous voulons parvenir à quelque honneur, de parler son langage.

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