Aufsatz 
Ueber den Entwicklungsgang der französischen Poesie bis zum achtzehnten Jahrhundert / von L. Noiré
Entstehung
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lichkeiten, welche gleichſam das Knochengerüſte des franzöſiſchen Stils bilden, ſtellte Descartes auch ſchon in ſeinem Discours de la Méthode, welcher als das der Zeit nach erſte Meiſterwerk franzöſiſcher Proſa gilt, in ein helles Licht, und die noch in den Schriften des XVI. Jahrhunderts in leichter und an⸗ muthiger Nachläſſigkeit ſich bewegende Sprache erhielt von da an eine feſte Architektonik, indem ſich die individuelle Freiheit der allgemeinen Regel unterordnete. Dieſe Richtung, welche für die Proſa heilſam war, ihr wenigſtens die Befähigung verlieh, gerade durch den Mangel der nationalen und individuellen Farbe eine Weltſprache zu werden, ward natürlich für den poetiſchen Ausdruck im höchſten Grade nachtheilig.

Herrſchaft der Regel und des Syſtems.Regel wird Alles und Alles wird Wahl und Alles Bedeutung könnte man von dem Wirken der Dichtkunſt ſeit dem Zeitalter der Renaiſſance mit wenigen Ausnahmen ſagen. Nicht der frei waltende, ſchöpferiſche Hauch, der des Dichters Bruſt erſchüttert, nicht das lebendige Feuer der Begeiſterung, nicht die Kraft der geſtaltenden Phantaſie, welche in ſich ſelbſt und in dem großen Gegenſtand die Geſetze ihres Schaffens findet, waren die Leitſterne jener Poeſie, ſondern ein einſeitiges Verſtandesideal, beſtimmte, aus den oft mißverſtandenen Werken des Alterthums äußerlich abſtrahirte Regeln. Syſtematik und Methode ſind in dem geſammten geiſtigen Schaffen der Franzoſen. Die Erklärung dieſer Eigenthümlichkeit ergibt ſich wohl einestheils aus dem römiſchen Elemente, welches in ihre Sprache, wie in ihr Volksbewußtſein übergegangen war und welches zur Zeit der Renaiſſance in neuer, lebendiger Kraft zu wirken begann, da die Franzoſen in den lateiniſchen Schriftſtellern gleichſam ihre geiſtigen Ahnen und natürlichen Vorbilder erkannten. Dieſem Einfluſſe ſchreiben wir ganz beſonders die ſtrenge Disciplin, die Regelmäßigkeit und die rhetoriſche Farbe, welche in Sprache und Poeſie vorwalten, zu. Ein zweiter Grund, welcher ſich theilweiſe aus dem erſten her⸗ leiten ließe, liegt wohl in dem politiſchen Leben, indem die großartige, weltumfaſſende Fähigkeit des Römerthums, alle noch ſo verſchiedenen Glieder und Theile durch die Kraft ihrer Geſetze und Einrich⸗ tungen zu einem großen Ganzen zu vereinigen, ſich frühzeitig auch in dem franzöſiſchen Volksgeiſte in einem Drängen und Streben nach einer feſten, geſchloſſenen, nationalen Einheit offenbarte. Von dieſem Geſichtspunkte aus läßt ſich die ganze franzöſiſche Geſchichte überblicken. Von Philipp Auguſt bis Ludwig XIV. ſtrebt das Königthum im Bunde mit dem Bürgerthume mit Aufbietung aller Kräfte eine politiſche Einheit hervorzubringen und mit Beſeitigung aller feudalen Unabhängigkeit, provinzieller Vor⸗ rechte, individueller Freiheiten eine um einen gemeinſamen Mittelpunkt gruppirte, große, nationale Exiſtenz zu geſtalten. Dieſe gefühlte und bewußte Einheit, welche jetzt den großen Herzſchlag Frank⸗ reichs in dem Aermſten und Entfernteſten mit gleicher Lebhaftigkeit pulſiren läßt, wirkte bedeutend auf das geiſtige Leben. Wie die nordfranzöſiſche Sprache zu alleinberechtigter Geltung gelangte und alle anderen Dialecte zu verachteten Patois herabdrückte, ſo folgte auch dieſe Sprache dem allgemeinen Streben nach Concentration und ſuchte eine Autorität, welche den ſichtbaren Mittelpunkt und den Regu⸗ lator des ſprachbildenden Princips ausmachte. Sie fand dieſelbe in der franzöſiſchen Akademie. Dieſes literariſche Tribunal, durch den ſtaatsklugen Richelien begründet, welcher dadurch der Staatsgewalt Ein⸗ fluß auf den Gang und die Entwicklung der Literatur ſichern wollte, ſollte den Sprachſchatz hüten und bewachen, das Muſtergültige zu allgemeinem Gebrauche autoriſiren und das Eindringen unedler, un⸗ correcter, ſprachwidriger Wendungen verhüten, zugleich aber auch die oberſte Autorität in Sachen des guten Geſchmacks ſein. Daß eine ſolche Bevormundung eigentlich dem Weſen der Sprache und der Poeſie widerſpricht, da dieſelben nur in naturwüchſiger Freiheit gedeihen können, iſt einleuchtend; doch