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ernſteren und großen Poeſie wurde, wie geſagt, dieſer nationale Grundzug durch die klaſſiſche Vornehm⸗ heit und die feierliche Rhetorik verdrängt und nur in Gelegenheitsgedichten, in den freien Erzeugniſſen der augenblicklichen Eingebung, dem heiteren Spiele deſſen, was die Franzoſen poésie fugitive nennen hat er ſich erhalten können und in der That ſind gerade dieſe Dichtungen von Clément Marot an bis Voltaire liebliche, ungezwungene Kinder neben den ſteifen, antik drapirten Prunkgeſtalten der übrigen Dichtungsarten. In dieſen Gelegenheitsgedichten waltet beſonders eine anmuthige Leichtigkeit und Manchfaltigkeit der Form ohne Größe des Inhalts, jene beſondere Stimmung des franzöſiſchen Geiſtes, welche mehr an der Außenwelt haftet, als in ſich ſelbſt zurückgeht, die heitere Sitte dieſes Volkes, wel⸗ ches im gewöhnlichen Leben jedes Extrem ſcheut und das Ueberſchwängliche zurückweiſt, mit einem Worte jener mehr ſprühende als erleuchtende Geiſt, der gerade in dem Worte Eſprit als Inbegriff jener Eigenſchaften bezeichnet wird.
Die Renaiſſance. Der große Wendepunkt, in welchem die geſammte Geiſtesrichtung der Fran⸗ zoſen ſowohl, als namentlich ihre Poeſie nach Inhalt und Form ſich durchaus veränderte, war das Zeitalter des Wiederauflebens der Studien des claſſiſchen Alterthums, von den Franzoſen ſelbſt mit dem Worte Renaiſſance bezeichnet. Fern ſei es von mir, die große und nachhaltige Wirkung dieſes Einfluſſes läugnen zu wollen, welcher der geſammten Menſchheit neue und tiefe Quellen des Denkens und der dichteriſchen Inſpiration eröffnete und zugleich die ewigen und unerreichbaren Vorbilder der ſchönen Form den entzückten Blicken der Künſtler erſchloß. Auch in Frankreich wurde das wiederauf⸗ erſtandene Alterthum mit derſelben Begeiſterung begrüßt, welche damals die geſammte gebildete Welt erfüllte, und die tüchtigſten Geiſter widmeten den neuerſchloſſenen Schätzen ihre ganze Zeit und ihre beſten Kräfte. Doch gerade die ungeſtüme Haſt, mit welcher die Franzoſen ſich an dieſe Vorbilder drängten, welche ihnen allein muſtergültig und der Nachahmung würdig erſchienen, veranlaßte einen entſchiedenen Bruch mit ihrer eigenen Vergangenheit, mit den nationalen Vorausſetzungen und ſomit auch mit den Ideen und Stimmungen, welche in den Tiefen des Volkslebens ſtrömend der günſtigen Stunde erharrten, um ſich in dem Geiſte eines empfänglichen Dichters zu nationalen Dichtungen zu kryſtalliſiren. Dieſer Bruch gab dem franzöͤſiſchen Geiſte eine entſchiedene Richtung nach dem Allge⸗ meinen und entzog der Poeſie den eigentlichen Inhalt, ſo daß die herrlichen Werke des Alterthums, ſtatt in ihrer Tiefe und Urſprünglichkeit erfaßt zu werden, nur zu einer formalen Nachahmung und abſtracten Claſſicität Veranlaſſung gaben, welche die ſeelenloſe Nüchternheit und das inhaltloſe Pathos neben die edle Einfachheit und die gewaltige Naturgröße der Griechen zu ſtellen wagte. Von großer Bedeutung⸗ und nachhaltiger Wirkung war es auch, daß gerade in die Zeit der Entwicklung der modernen fran⸗ zöſiſchen Literatur das Auftreten ihres größten Philoſophen Descartes fällt, der die Kühnheit hatte, alles menſchliche Wiſſen und Denken gleichſam wieder neu aufzubauen und allen hiſtoriſchen Voraus⸗ ſetzungen entſagend, den Satz:„Ich denke, alſo bin ich“ wie einen Felſengrund aufzurichten, um auf dieſem Fundament durch eigene Denkthätigkeit alle übrigen Ideen und das geſammte geiſtige Beſitzthum der Menſchheit zu reconſtruiren. Dieſe Methode mit ihrem einſeitigen Verſtandesidealismus, ihrer ab⸗ ſtrakten Klarheit und Nüchternheit und ihrer ſcharfen mathematiſchen Folgerichtigkeit hat den größten Geiſtern, wie der Sprache und Literatur der Folgezeit ihr Gepräge aufgedrückt. Sie trug weſentlich mit dazu bei, daß ſich die franzöſiſche Proſa zu einer wahren Kunſtform der regelmäßigen, durchſichtigen Klarheit, der ſtrengen überſichtlichen Geſchloſſenheit und Beſtimmtheit entwickelte. Dieſe Eigenthüm⸗


